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  • Agrar- & Ernährungspolitik
  • 06/2022
  • Dr. Michael Brüntrup
Schwerpunkt

Globale Ernährungskrise: Eine Düngestrategie muss Teil der Antwort sein

Weltweit waren die Düngemittelpreise schon 2021 explodiert. Dann trieb der Ukrainekrieg sie noch weiter in die Höhe. Die Ursachen sind komplex – wie auch die Lösungen. Was kann getan werden?

Ein Lager von Uralkali, dem größten Mineraldüngerproduzenten der Welt, im russischen Beresniki. © Uralkali PR

Die Welt steuert nach 2007/08 und 2011/12 auf eine neue globale Ernährungskrise zu, eventuell die schlimmste seit dem 2. Weltkrieg. Der Nahrungsmittelpreis-Index der Welternährungsorganisation FAO hatte im März einen neuen Höchststand erreicht und verharrt seitdem dort. Konsumenten stehen vor drei Alternativen: Sie können andere Ausgaben einschränken, ihre Spareinlagen auflösen oder Wertgegenstände verkaufen, um ihren Nahrungskonsum aufrechtzuhalten; teures Fleisch, Obst und Gemüse durch billigere, oft ungesündere kalorienlastige Produkte ersetzen; oder sie müssen ihren Kalorienkonsum einschränken. Da arme Haushalte einen wesentlich größeren Teil ihres Einkommens für Nahrung ausgeben und wenig Rücklagen haben, sind sie am stärksten betroffen.  

Umso schlimmer trifft es die große Mehrzahl der Haushalte in Entwicklungsländern. Schon 2021 waren 193 Millionen Menschen akut ernährungsunsicher, 40 Millionen mehr als im vorherigen Jahr. 2022 sollen es nochmals mindestens 13 Millionen mehr werden. Im weiteren Sinne unterversorgt sind über 800 Millionen Menschen, fast jeder zehnte Erdenbewohner. Die Organisationen, die Nahrungsmittelhilfe kaufen und verteilen, allen voran das Welternährungsprogramm (WFP), können für das gleiche Geld jetzt weniger Nahrung bereitstellen. Tagesrationen müssen teilweise auf Mengen reduziert werden, die unter dem schieren Existenzminimum liegen. Dies trifft v.a. Menschen in Krisengebieten wie Somalia, Jemen und Afghanistan, Vertriebene und Flüchtlinge.

Bei der Ursachen-Analyse dieser globalen Krise stellen westliche Medien Russlands Blockade der ukrainischen Häfen und Seewege in den Vordergrund. Die Ukraine mit ihren fruchtbaren Schwarzerdeböden und relativ geringer Bevölkerungsdichte ist einer der größten Agrarexporteure der Welt, insbesondere für Weizen und Gerste (12-14 Prozent der globalen Exporte) und für Sonnenblumenöl (ca. 35 Prozent). Länder wie Ägypten, Bangladesch oder Eritrea sind stark von diesen Produkten abhängig und bezogen vor dem Krieg bis zu 80 Prozent ihrer Weizenimporte aus dem geographisch günstig liegenden Land. Auch das WFP hat die Bezugsquelle stark ausgeweitet. Der Westen drängt Russland, die ukrainischen Seehandelswege freizugeben, und versucht alternative Handelsrouten durch die EU auszubauen, um die Knappheit zu beenden.

Als ob dann die Nahrungsmittelkrise beendet wäre!

Leider trifft diese einfache „Erzählung“ die globale Ernährungslage nur bedingt. Ein gutes Verständnis der Ursachen ist wichtig, um die richtigen Schlüsse zu ziehen und Maßnahmen zu treffen. Daher lohnt ein Blick zurück: Die Weltagrarpreise waren schon seit Mai 2020 kontinuierlich gestiegen und im Februar 2022 bereits fast so hoch wie nach Kriegsausbruch. Die Coronakrise hatte viele Lieferketten an unterschiedlichen Stellen gestört, etwa durch Grenzschließungen und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit von Beschäftigten. Wirksamer noch ließ die überraschend schnelle und starke Erholung der Weltwirtschaft die Nachfrage insgesamt und damit die Energiepreise in die Höhe schnellen. Diese wiederum haben großen Einfluss auf die Nahrungsmittelpreise: einmal über die Produktionskosten für Betriebsmittel wie Dünger, Pestizide sowie Treibstoff für Trecker und Maschinen; zum anderen für Transport, Verarbeitung, Lagerung und Handel der Nahrungsmittel.

Mit dem Boykott von Belarus 2021 wurde auch schon früh ein wichtiger Düngemittelexporteur direkt getroffen. Die Düngemittelpreise waren schon Ende 2021 um 200-400 Prozent gegenüber den Vorjahren erhöht. Fehlernten in verschiedenen Weltregionen, die teilweise auf den Klimawandel zurückzuführen sind, führten allein in den USA zu Ertragsausfällen in der Landwirtschaft über 12 Mrd. Dollar, der dritthöchste Wert aller Zeiten. Der Ukrainekrieg setzt auf diese Krisensituation auf. Allein ca. 22 Millionen Tonnen Weizen, ein Drittel der alten Ernte, steckt noch in Lagern fest. Wenn sie nicht geleert werden, kann ein Teil der neuen Ernte nicht eingefahren werden. Verschlechtert sich die Lage, könnten auch viele Ukrainer selbst ernährungsgefährdet werden. Doch die Krise zieht weitere Kreise.

Die Düngemittelpreise sind seit Anfang 2022 um fast 30 Prozent gestiegen, nachdem sie 2021 bereits um 80 Prozent zugelegt hatten. (Stickstoff = DAP (Diammoniumphosphat), Kaliumdünger = MOP, Harnstoff = Urea) © Weltbank, Bloomberg

Die Suche nach Ersatz für die Importe aus der Ukraine setzte zunächst die direkt betroffenen globalen Produktmärkte, dann auch die internationalen und lokalen Märkte für Ersatzprodukte wie Hirse, Reis oder Palmöl unter Druck. Im Zuge der Krise verhängten bisher 19 weitere Agrarnationen Exportbeschränkungen – für ca. 15 Prozent der weltweit gehandelten Nahrungskalorien. Seit Anfang 2022 wurden 268 Politikmaßnahmen in 75 Ländern gezählt. Besonders die (vorübergehenden) Exportstopps für raffinierte Palmölprodukte aus Indonesien und von Weizen aus Indien sandten starke Preissignale aus. Auch Russland setzte Agrarexporte aus.

Grenzschließungen senden Preissignale

Regierungen wollen ihre Konsumenten vor dem Überschwappen der globalen Preisanstiege in die Binnenmärkte schützen, schaden damit aber den Importländern und auch den eigenen Landwirten, die nicht von den höheren Preisen profitieren können und oft sogar unter den politisch reduzierten Preisen Verluste machen.

Besondere Sorge macht die Lage auf den Düngemittelmärkten. Der Boykott des Westens für russische Produkte, Banken und Oligarchen nahm zunächst zwar die als sensibel empfundenen Energielieferungen und Nahrungsmittel, aber nicht Düngemittel aus. Dadurch kam es auf diesem Markt nicht zur heiß erhofften Entspannung, sondern im Gegenteil zu neuen Höchstpreisen und echten Engpässen. Nach internationalen Protesten insbesondere von lateinamerikanischen Ländern wurden für Dünger teilweise Ausnahmen bei den Sanktionen erlassen.

Russland stellte seinerseits, nach einem Teilverbot schon im Februar, seine eigenen Düngerexporte ein, nominell zum Schutz der eigenen Versorgung, aber es kann gemutmaßt werden, dass eigentlich der Ruf des Westens geschädigt und Unruhen wie Migrationsdruck im Umfeld westlicher Länder geschürt werden sollen. Zumindest kann Russland die Lieferungen als politisches Druck- und Zugmittel im geopolitischen Tauziehen nutzen. Auch China, ein ebenfalls sehr großer globaler Akteur, und andere Länder bremsten oder verboten ihre Düngemittelausfuhren.

Während die Länder Lateinamerikas die schwierige Lage mit ihren sehr großen Märkten teilweise in den Griff bekommen, sind selbst die größten afrikanischen Agrarnationen wie Kamerun oder Ghana dazu kaum in der Lage und rechnen mit drastischen Rückgängen an Düngerimporten, speziell dort wo der Staat den Düngerimport organisiert und finanziert (wie z.B. in Ghana).  

Unsichere Kalkulation

Wo Dünger verfügbar ist, stellt sich für Landwirte die Frage, ob sich trotz der hohen Agrarpreise die Investitionen in extrem teure Düngemittel lohnen. Es hängt von Produkt- und Düngemittelmengen und –preisen ab, von Alternativen und der Reaktion der Produktion auf Düngung, sowie von damit zusammenhängenden Mengen- und Preisänderungen etwa für Pestizide oder Arbeitseinsatz. Da die Betriebsmittel vorfinanziert werden müssen, die Produktpreise aber selten im Vorhinein feststehen, ergibt sich aus der aktuellen Unsicherheit und den möglichen politischen Interventionen wie Exportverbote eine hohe Unsicherheit für die Produzenten. Diese wirkt sich negativ auf ihre Investitionsbereitschaft aus.

Training in Malawi zum Kompostmachen: Wenn Mineraldünger unbezahlbar wird, bleibt die stärkere Verwendung von organischen Düngern wie Mist, Kompost oder Mulch. © Jagel / Welthungerhilfe

Hinzu kommt, dass vor allem kleine Landwirte in Entwicklungsländern nicht nur schwache Renditen haben, sondern auch wenig Liquidität: Teure Düngemittel sind ohne ausreichendes Eigenkapital oder Kreditzugang schlicht unbezahlbar, selbst wenn sie hoch rentabel wären. Wie stark die Agrarproduktion insgesamt zurückgehen wird, lässt sich daher kaum vorhersagen. Relativ wenig dürften Bauern mit niedrigem Düngereinsatz betroffen sein, also Biobauern sowie Kleinstbauern mit wenigen Betriebsmitteln, die vor allem für den Eigenbedarf produzieren. Letztere haben aber auch die stärksten Liquiditätsprobleme.

Die perfekte Welle

Es lässt sich festhalten: Die derzeitige Krise speist sich aus mehreren Ursachen, der Krieg ist nur eine davon. Damit wäre auch ein Kriegsende nicht das Ende der Krise. Einige Ursachen sind schon teilweise eingepreist in die internationalen Preisentwicklungen, aber wie stark ist unklar, und auch wie lange der Druck anhalten wird. Es drohen zusätzliche Risiken: Zukünftige Segmentierungen der Märkte (z.B. in Freunde und Feinde in geopolitischen Blöcken) und weitere Exportbeschränkungen könnten für längerfristige Preiseffekte und -schwankungen und damit für ständige Unsicherheit sorgen. Kleine Länder und Abnehmer tun sich viel schwerer, neue Lieferketten zu etablieren, als große. In einigen großen Ländern zeichnen sich schon wieder Fehlernten ab. Nimmt man hinzu, dass die meisten Länder nach der Coronakrise hoch verschuldet sind und weniger Geld für erneutes Krisenmanagement im eigenen Land und für Entwicklungshilfe ausgeben können, ergibt sich das beängstigende Bild einer „perfekten Welle“, die sich für die Welternährungssituation aufbaut.

Die angemessene Reaktion auf diese komplexe Krise muss ebenfalls vielfältig sein. Kurzfristig sind einige Initiativen schon auf den Weg gebracht, von nationalen Regierungen, Geberländern, Entwicklungsbanken und dem Internationalen Währungsfonds: Das WFP erhält mehr Mittel für Nothilfen, soziale Sicherungssysteme werden ausgebaut, Regierungen erhalten kurzfristige Kredite für Nahrungs- und Düngemittelimporte und deren Verteilung an Zielgruppen oder auch für breitenwirksame Preissubventionen. Diese Hilfen werden sicher noch ausgebaut werden müssen. Der Export der ukrainischen Lagerbestände könnte ebenfalls ermöglicht werden.

Krisenanfälligkeit mindern

Darüber hinaus stellt sich die dringende Frage, wie die Krise mittelfristig zu überwinden ist, und ob bzw. wie solche Krisen sich strukturell reduzieren oder gar vermeiden lassen. Wie lässt sich also allgemein die Anfälligkeit für Nahrungsmittelkrisen mindern und die Widerstandskraft steigern. Im Folgenden steht besonders die Rolle von Düngemitteln als Kern der globalen Agrarproduktion im Fokus – mit der Maßgabe, dass dies nur ein Element einer größeren Agenda sein darf.

Zunächst verdeutlicht die gegenwärtige Krise, dass die sozialen Implikationen hoher Agrarpreise schwer wiegen – auch wenn sie, wie in Deutschland gerne gefordert und zuletzt prominent von Landwirtschaftsminister Cem Özdemir, ein wichtiger Faktor für eine nachhaltigere Landwirtschaft mit höheren Umwelt- und Tierwohlstandards sein mögen. In reicheren Ländern kann dies steuerlich und über Einkommenstransfers ausgeglichen werden, im globalen Maßstab ist dies nur sehr bedingt machbar. Der Erhalt bezahlbarer und stabiler Preise zumindest für Grundnahrungsmittel ist also eine Grundbedingung für eine sozial nachhaltige Welternährung.

Die Wege zu höherer Versorgung sind zunächst simpel:

Die Summe der Einzelanstrengungen muss eine qualitativ hochwertige Nahrungsverfügbarkeit für eine Weltbevölkerung von noch mindestens zwei Milliarden zusätzlichen Menschen bis 2050 zumeist in Sub-Sahara Afrika gewährleisten. Soll die Versorgung sicher sein, müssen die Produktion weniger krisenanfällig sein und Puffer geschaffen werden, um nicht vermeidbare Schwankungen aufzufangen.

Gleichzeitig muss die Agrarproduktion nachhaltiger werden, denn Landwirtschaft ist ein, wenn nicht der wichtigste Treiber für globale Nachhaltigkeitsgefahren, insbesondere für den Verlust von Biodiversität, Bodendegradation, Treibhausgas-Emissionen, Stickstoff- und Phosphat-Überlastungen im Wasser sowie allgemeiner Wasserverbrauch und -verschmutzung. Einige dieser Gefahren entstehen nicht nur in der „industriellen“ Hochleistungslandwirtschaft mit hohem Kapital- und externem Betriebsmittelaufwand, sondern auch unter extensiver kleinbäuerlicher Landwirtschaft, bei der dem Boden mehr Nährstoffe entzogen als nachgeliefert werden (soil mining). Dies führt zu sinkender Bodenfruchtbarkeit und Produktivität und – wo noch möglich – zur Flächenausdehnung in Wälder, Flussauen und Savannen.

Ein Landwirt düngt sein Feld in der Türkei. Durch erhöhte Preise drohen Ernteverluste. © Welthungerhilfe / Stollberg

In den Tropen ist die nachhaltige Steigerung der Agrarproduktion nach Überzeugung fast aller Agrarwissenschaftler wohl nur mit der Zufuhr von betriebsfremden Düngemitteln zu erreichen. Ein völliger Verzicht auf externe Nährstoffe (außer Stickstoff) ist für viele tiefgründig verwitterte tropische Böden mit sehr geringen Nährstoffvorräten nicht nachhaltig – außer im traditionellen Wanderfeldbau. Wenn aufgrund des steigenden Produktionsbedarfs keine langen Brachezeiten zur Erholung der Böden mehr möglich sind, müssen Nährstoffe nachgeliefert werden.

Dieser Zusammenhang wird für Afrika schon im IAASTD-Bericht – einem der Referenzwerke der modernen Agrarökologie – klar benannt: „Der Düngerverbrauch liegt in der Region bei nur 9 kg/ha, verglichen mit 73 kg/ha in Lateinamerika, 100 kg/ha in Südasien und 135 kg/ha in Ost- und Südostasien. Ein so geringer Düngemitteleinsatz in Verbindung mit kürzeren Brachezeiten und einem unbedeutenden Einsatz organischer Düngemittel stellt eine ernsthafte Bedrohung für die Nachhaltigkeit der Landwirtschaft dar. Den afrikanischen Böden werden durch den Verzicht auf Düngemittel kontinuierlich Nährstoffe entzogen." Externe Nährstoffzufuhr, insbesondere in höheren Dosen, ist meistens nur effektiv in Kombination mit darauf ansprechenden (verbesserten) Sorten, richtiger Ausbringung der richtigen Mengen zur richtigen Zeit, und gutem Bodenmanagement.

Das Ausbalancieren von Produktion, Produktivität und Nachhaltigkeit unter den Bedingungen globaler Ungleichheit ist eine der größten Herausforderungen der Menschheit in den kommenden Jahrzehnten.

Was heißt das für einen nachhaltigen Düngereinsatz?

Es ist zunächst wichtig, die verschiedenen Nährstoffe und die Rolle der organischen Substanz näher zu betrachten. Der wichtigste Pflanzennährstoff, der auch mit Abstand am meisten eingesetzt wird, ist Stickstoff. Er lässt sich auch lokal über Leguminosen in die Betriebe einspeisen – eine Pflanzengruppe, die in Verbindung mit jeweils Art-spezifischen Bodenbakterien Stickstoff aus der Luft binden kann. Bekannte Arten sind Soja, Erdnüsse, Bohnen und Erbsen, Klee und Luzerne, sowie viele v.a. tropische Baumarten. Die Auswahl der Pflanzen für Zwischenfrüchte, Bodendecker, Mischanbau, Kultur-Rotationen oder Agroforstwirtschaft ist allerdings eine hohe Kunst, denn ihre Integration bedarf der sorgfältigen Einpassung in die bestehenden Betriebs-/Haushaltssysteme. Die Arbeitswirtschaft ist häufig von entscheidender Bedeutung, z.B. um Hecken zum rechten Zeitpunkt zurückzuschneiden, oder Zwischen- und Deckfrüchte oder Mulch in den Boden einzuarbeiten. Um größere Mengen organischer Substanz umzusetzen, ist meist eine (Teil-)Mechanisierung nötig.

Oft sind Leguminosen nur ausreichend interessant für Produzenten, wenn sie auch zusätzlichen Nutzen als Nahrung und/oder Marktfrüchte haben, statt „nur“ Bodenfruchtbarkeit zu regenerieren und andere Pflanzen mit Stickstoff zu versorgen. Vele dieser Feldfrüchte sind wegen ihres hohen Proteingehaltes krankheits- und schädlingsanfällig. Es braucht also eine sehr kleinteilige, partizipativ zu erarbeitende Anpassung an die jeweiligen Systeme für die verschiedenen Arten der biologischen Stickstoffdüngung.

Andere Pflanzennährstoffe, insbesondere die Makronährstoffe Kalium und Phosphor, können nicht wie Stickstoff gewonnen werden. Sie müssen aus dem Boden kommen oder durch Düngung eingebracht werden. Dies gilt auch für Mikronährstoffe wie Schwefel, Bor oder Eisen, die gerade in Subsahara-Afrika oft lokal beigemischt werden, um einen standort- und kulturspezifischen Mix zu erlangen. Agrarökologische Maßnahmen, die den Gehalt an organischer Substanz und das Bodenleben steigern, können die Mobilisierung der Nährstoffe aus den Bodenmineralien steigern.

Auch durch extensive Viehhaltung und ihre Integration in landwirtschaftliche Betriebe können Nährstoffe aus der Umgebung „eingesammelt“ und auf den Ackerflächen akkumuliert werden. Aber diese Möglichkeiten sind in den Tropen meist begrenzt und führen auf Dauer zur Degradierung der Naturweiden und deren Böden, zumindest wenn die Tiere immer zahlreicher, Ackerflächen größer und Weiden immer kleiner werden.

Auf einem Markt in Sierra Leone werden organische Abfälle für die Kompostproduktion gesammelt. Landwirte nutzen ihn zum Schutz vor Bodenerosion. © Lass/Welthungerhilfe

Das ist die Situation in den meisten armen Entwicklungsländern mit steigender Bevölkerung und zu wenigen Alternativen, um außerhalb der Landwirtschaft Einkommen zu erwirtschaften. Schnelle und großräumige Umstellungen der Landwirtschaft sind aus den genannten Gründen kaum möglich. Organische Masse ist beschränkt, die Summe der Nährstoffe in der Landschaft ebenfalls. Auch die überstürzte Umstellung auf rein organische Düngung in Sri Lanka mit katastrophalen Folgen für die Versorgungslage darf als warnendes Beispiel dienen, dass eine Agrartransformation viel Zeit braucht. Hinzu kommt, dass mit steigendem Verkauf von Agrarprodukten zur Versorgung der Städte die enthaltenen Nährstoffe die lokalen Kreislaufsysteme verlassen.

Wie sonst kann der Düngemittelkrise begegnet werden?

Um die Wirkungen von Hochpreissituationen kurzfristig zu dämpfen, kommen insbesondere in ärmeren Ländern und für kleinere Landwirte Düngemittelsubventionen, Kreditlinien für Staaten und Produzenten, sowie sinkende Transaktionskosten, darunter Einfuhrzölle für Düngemittel, in Frage. Sie werden von verschiedenen Ländern und Gebern schon eingeführt. Die Unsicherheit über künftige Agrarpreisentwicklungen kann durch Mindestpreisgarantien, einer Absage an Exportbeschränkungen oder ihre sehr vorsichtige Nutzung, die bedächtige Förderung von Importen, und längerfristig über Einkommensversicherungen aufgefangen werden. Das alles bedarf einer großen Fähigkeit zu politischer Kohärenz und Steuerung, die in ärmeren Entwicklungsländern selten gegeben ist und ebenfalls gefördert werden muss.

Mit all diesen Maßnahmen lassen sich aber weder kurzzeitige Verknappung noch mittelfristige Verwerfungen aufheben. Eine globale Umverteilung der Düngerintensität wäre eine teilweise Lösung. Im globalen Norden müssten die Aufwändungen reduziert, im globalen Süden – insbesondere in Afrika – erhöht werden. Der positive Gesamteffekt ergibt sich daraus, dass in den Ländern des globalen Nordens (und in einigen Schwellenländern wie China) Düngemittel nahe am ökonomischen Optimum aufgebracht werden (Zusatzaufwand durch Dünger = Zusatzertrag durch Produktion), oft auch am Ertragsoptimum (höchster zu erzielender Ertrag) und teilweise sogar darüber (wieder sinkende Erträge). Bei mäßiger Senkung sinken die Erträge daher nicht sehr stark. In den ärmeren Ländern des Globalen Südens, insbesondere in Subsahara-Afrika, ist es meist andersherum – gedüngt wird auf sehr niedrigem Niveau, der marginale Ertragsanstieg ist bei auch nur mäßig gesteigerter Düngung sehr hoch.

Zusätzlicher Nutzen einer solchen globalen Neuverteilung wäre ein Rückgang der Umweltschäden im Norden und von „soil mining“, dem Druck auf Bracheflächen und verbliebene Wälder im Süden. Ein solcher Optimierungsversuch könnte durch die G20-Gruppe initiiert und mit den genannten Instrumenten gesteuert werden. Leider ist so eine globale Steuerung – wenn überhaupt politisch gewollt – weder leicht noch schnell durchsetzbar.

Verfügbarkeit steigern

Die Möglichkeiten einer größeren Verfügbarkeit hängt sehr vom betrachteten Nährstoff ab. Stickstoff-Dünger kann aus dem Stickstoff der Luft praktisch überall hergestellt werden, es bedarf vor allem (billiger) Energie. Dies ist bisher oft Erdgas, das schon teuer ist und mit steigender Unabhängigkeit von russischem Erdgas noch teurer wird. Auch wegen hoher Transportkosten von Gas wird eher im Ursprungsland in Stickstoffdünger umgewandelt. Aussichtsreiche Länder sind bspw. die USA, Nigeria oder Kuwait, und natürlich weiterhin Russland.

Im Prinzip kann pflanzenverfügbarer Stickstoff auch mit elektrischer und damit potenziell erneuerbarer Energie hergestellt werden. Dies geschah früher im großen Maßstab bspw. In Norwegen mit Hydroenergie, wurde aber aus Kostengründen eingestellt. Bei starken Preisänderungen (etwa Überschuss von günstigem erneuerbaren Strom und hohe Erdgaspreise) könnten diese Verfahren schon zu Marktpreisen wieder eingesetzt werden – allerdings mit längerer Frist und hohem Kapitalaufwand. Eine Unterstützung durch Klimafinanzierung wie bei grünem Wasserstoff wäre äußerst sinnvoll.

Phosphatmine Bou Craa in der Westsahara. Aufnahme von einem Astronauten an Bord der ISS im Jahr 2018. © NASA/JSC Gateway to Astronaut Photography of Earth.

Lagerstätten für Kalium gibt es nur an wenigen Stellen der Erde konzentriert, prominent in Belarus und Russland, aber auch in Kanada und Deutschland. Die Produktion schnell und massiv auszuweiten ist aber schwierig. Der dritte Makronährstoff, Phosphor, ist der problematischste. Er kommt in der Erdkruste zwar häufig vor, aber in abbauwürdiger Konzentration nur an wenigen Stellen – darunter Marokko und Westsahara, China und USA. Phosphor wurde noch vor wenigen Jahren als das Element gehandelt, das als erstes zur Neige gehen könnte. Rückgewinnung und höhere technologische Ausbeute ergaben neue Quellen. Es bleibt aber ein prekärer Stoff. Vorkommen von Rohphospat minderer Qualität gibt es in anderen Ländern, auch in Afrika. Ihre Erschließung und Verarbeitung lohnen sich aber nur, wenn die Preise hoch bleiben.

Die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen für Düngemittel aus Russland und Belarus wäre ein kurzfristiger und wirksamer Schritt, die globale Verfügbarkeit der genannten Nährstoffe zu erhöhen. Dies schränkt zwar die Wirksamkeit der Sanktionen ein, aber angesichts der großen Kollateralschäden für Ernährungssicherung scheint dies ethisch nicht nur gerechtfertigt, sondern geboten. Mittelfristig würden die beiden Länder auch alternative Absatz- und Finanzierungswege im Rest der Welt finden, solange der Westen es nicht unterbindet (was er nicht tun sollte, siehe oben). Im Namen der Stabilität und Resilienz des gesamten Agrarsektors wären der Ausbau und die Diversifizierung der Rohstoffquellen äußerst wünschenswert.

Politisierte Märkte

Orientieren sich die Investitionen aber an den jetzigen Höchstpreisen, besteht die Gefahr, dass die Kapazitätsausweitungen über das Ziel hinausschießen und einen langfristigen Preisverfall, Pleiten sowie Preis- und Lieferschwankungen auslösen. Private Investitionen werden sich eher an langfristigen Angebots- und Nachfrageprojektionen orientieren, wobei die politische Weltmarktentwicklung derzeit schwer zu berechnen ist. Zu erwarten ist ein politisch motivierter Ausbau in einzelnen Ländern im Sinne von Versorgungssicherheit. Wegen drohender Überschüsse für den Weltmarkt ist das ohne globale Koordinierung indes gefährlich. Möglicherweise eignen sich diese politisierten Märkte für globale Steuerung und Absprachen im Sinn der Rohstoffabkommen von S.M. Keynes. Auch hier wären Initiativen der G20, oder besser von Clubs der führenden Produktions- und Absatzländer notwendig.

Eine Lagerhaltung von Düngemitteln, national oder gar global, dürfte aufgrund der hohen Kosten schwierig sein, und – wenn überhaupt nötig –, dann eher für die unfruchtbaren Böden der Tropen als für die fruchtbaren Böden der gemäßigten Breiten. Eine bessere Informationslage auch für Düngerreserven, wie gerade von den G7-Agrarministern im Rahmen des globalen Informationssystems AMIS beschlossen, ist dafür evtl. ein erster Schritt.

Weiter wichtig  ist auf jeden Fall eine verbesserte Effizienz der Düngernutzung. Diese Effizienzsteigerung ist ein Kernelement der Agrarökologie. Es gibt eine Vielzahl von Ansätzen: bessere Wahl der Sorten, richtige Zeiten der Ausbringung nach Wachstumsphase, Zeitpunkt der Ausbringung im Wachstumszyklus der Pflanzen, Abstimmung von Düngemittel mit Pflanzenart, Einarbeitung der Nährstoffe in den Boden, Fruchtfolgewechsel und Nutzung der längerfristigen Düngungswirkung, optimierte Geschwindigkeit der Freisetzung der Nährstoffe. Besonders die Kombination von organischer und mineralischer Düngung erhöht die Ausnutzungsrate, vermindert Verluste durch Auswaschung, Festlegung im Boden oder Ausgasung, und verbessert das Nährstoff-Recycling. Die Schwierigkeiten, solche komplexen Systeme lokal anzupassen und zu verbreiten, sind schon hinsichtlich der Leguminosen geschildert worden.

Die Rückführung von Nährstoffen, die durch Verkauf aus den lokalen Kreisläufen der landwirtschaftlichen Betriebe verloren gehen, ist eine weitere, evtl. die größte noch ungenutzte Möglichkeit der Kreislaufwirtschaft in der Landwirtschaft. Dafür muss die Rückgewinnung aus menschlichen Exkrementen in die Produktion erreicht werden. In Industrieländern verhindern dies vielfältige Vorschriften – in Entwicklungsländern eher die unterentwickelte Abwasserentsorgung. Hilfreich gegen Bedenken könnte sein, solche biologischen Dünger nur auf Energie- oder andere Nicht-Nahrungs-Pflanzen auszubringen.

Autonomie ist nicht die Lösung  

Manche Forderung aus dem Lager der Agrarökologie oder auch dem oft mit ihm verschmelzenden Lager der Ernährungssouveränität nach weitgehender Autonomie bei der Nahrungsmittelversorgung übersieht, dass die viel häufigeren lokalen und regionalen Ernährungskrisen durch Extremwetter, insbesondere Dürren, nicht allein durch lokale Produktion aufgefangen werden können. Auch Geld für soziale Sicherung reicht dann nicht; es braucht Nahrungsimporte aus funktionierenden transnationalen Nahrungsmittelmärkten sowie Deviseneinnahmen, also Exporte, um sie zu finanzieren. Agrarhandel ist eine der wichtigsten Komponenten von Ernährungsresilienz.

Das widerspricht nicht der Einschätzung, dass viele Länder gerade in Afrika noch ein gewaltiges Potenzial für mehr Agrarproduktion haben, sowohl für Exporte als auch zur Substitution von Importen. Um es zu heben braucht es vor allem mehr systematische Förderung der Ernährungssysteme. Importbeschränkungen eignen sich nur begrenzt, schon weil sie die internen Preise hochtreiben würden und politisch gegenüber städtischen Konsumenten kaum durchzuhalten sind. Vielmehr bedarf es Investitionen in Forschung und Beratung, Marktförderung und Finanzierung entlang der Wertschöpfungsketten.

Die akute Nahrungsmittelpreiskrise und vor allem die mittelfristige Düngemittelpreiskrise verlangen nach massiven Interventionen auf vielen Ebenen. Die hohen Kosten sollten nicht davon abschrecken, sie beherzt anzugehen. Nicht nur die Ernährungssicherheit der Ärmsten ist in Gefahr, sondern auch die Stabilität der Ernährungssysteme und der soziale Frieden in vielen Ländern – zudem die ökologischen Ressourcen in ärmeren Ländern, wo Raubbau oft eine Frage des Überlebens ist. Es lohnt sich also.

Viele der genannten agrarökologischen Ansätze sind unter fast allen Umständen sinnvoll (no-regret), so sie betriebswirtschaftlich rentabel sind. Die derzeitige Konstellation aus hohen Preisen für Agrarprodukte und für Betriebsmittel ist dafür sicherlich förderlich. Dies bedeutet nicht den Verzicht auf einen Düngereinsatz, der am Entzug an Nährstoffen und an der Bodenfruchtbarkeit orientiert ist. Am dringlichsten aber ist es zunächst, die Preise zu stabilisieren, die weitgehend von politischen Entscheidungen und Unsicherheiten ausgelöst werden. Sonst sind viele Zukunftsinvestitionen vom kleinsten Landwirt bis zu globalen Abkommen fraglich und gefährdet.

Dr. Michael Brüntrup Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, DIE

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