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  • Agrar- & Ernährungspolitik
  • Hendrik Mahlkow, Tobias Heidland, Sebastian Jaevervall

Ukrainekrieg bedroht langfristig Afrikas Ernährungssicherheit

Länder in Afrika stehen nach Russlands Invasion der Ukraine vor einer existenziellen Gefahr. Bleibt auch Moskaus Exportstopp für Weizen bestehen, sind Verknappung und erdrückende Preise kurz- und langfristig bedrohlich.

Brotverkauf in Ägypten: Das Land ist der größte Weizenimporteur der Welt mit Einfuhren von 11,6 Millionen Tonnen 2021. © Nasser Nouri via Flickr CC BY-NC-SA 2.0

Die Ukraine und Russland zählen zu den weltweit wichtigsten Getreideexporteuren. Die russischen Getreideexporte sind zu mehr als 80 Prozent Weizen. Die Ukraine ist stärker diversifiziert und auch beim Körnermais einer der bedeutendsten Exporteure weltweit. Hinzu kommen Produkte wie Sonnenblumenöl und Dünger, die Ernährungssicherheit zusätzlich bedrohen werden. Die Verfügbarkeit von Getreide beeinträchtigt der Krieg über direkte und indirekte Kanäle.  

Als direkte Folgen sinken die Produktionsmengen. Getreideexporte werden zurückgehen, schon weil in der stark mechanisierten ukrainischen Landwirtschaft wichtige Produktionsfaktoren wie Diesel nun von der Armee verwendet werden. Landwirte können ihre Felder wegen des Konflikts nicht bestellen, aufgrund der großen Unsicherheit weniger aussäen oder weniger düngen. Somit fallen die die Exporte. Das verknappte Angebot auf dem Weltmarkt lässt die Preise steigen.   

Zweitens steigen die Handelskosten. Die Invasion hat einen großen Teil der wichtigen Häfen im Asowschen und im Schwarzen Meer stark beeinträchtigt. Ukrainische Häfen im Südwesten des Landes waren durch Zerstörungen wie in Mariupol oder Seeblockaden stark beeinflusst.. Die Präsenz der russischen Marine trieb Versicherungssummen stark in die Höhe. Es werden auch russische Häfen weniger angelaufen, da vielen Reedereien das Risiko zu groß ist, Ziel militärischer Angriffe oder politischer Aktionen zu werden. Und auch im ukrainischen Inland sind Transporte schwieriger und damit deutlich teurer geworden, weil Straßen und Brücken beschädigt oder zerstört sind. Diese Hürden im Handel reduzieren zusätzlich die exportierten Mengen und führen auf dem Weltmarkt zu steigenden Getreidepreisen. 

Direkt wirken sich drittens politische Eingriffe aus. Die Ukraine, Russland (World Grain, 2022) und auch einige EU-Länder wie Ungarn haben Getreideexporte komplett oder zumindest in einige Länder gestoppt. Das verringert die Mengen auf dem Weltmarkt weiter. 

Ernährungssicherheit auch indirekt gefährdet 

Die indirekten Effekte wirken besonders über die Märkte für Betriebsmittel (Inputs) in der Agrarproduktion, darunter Energie und Düngemittel aus der Ukraine und aus Russland. Auch im Rest der Welt verteuert sich die Düngemittelproduktion durch den Anstieg der Energiepriese deutlich – allen voran durch Gas für die Ammoniakherstellung. Weltweit werden damit ertragssteigernde Maßnahmen weniger profitabel. Gerade Kleinbauern, die oft wenig finanziellen Puffer für Dünger und Saatgut haben, werden dadurch häufig nicht mehr wie gewohnt düngen können. Ihre Ernten werden sinken, was die verfügbaren Getreidemengen weiter reduzieren und die Preise erhöhen wird.  

Diese Effekte auf das Getreideangebot treffen auf eine Situation, die bereits vor dem Krieg in der Ukraine in mehreren Weltregionen angespannt war – aus drei Entwicklungen heraus: Die globalen Lebensmittelpreise waren bereits seit mehreren Jahren gestiegen, da die Nachfrage schneller steigt als das Angebot. Mit der konventionellen Züchtung nimmt das Produktivitätswachstum seit Jahren ab, während die Ausdehnung der Anbaufläche nur begrenzt erfolgen kann, bzw. das ökologische Limit schon überschritten hat. Zugleich wächst die Nachfrage durch die zunehmende Weltbevölkerung wie auch durch veränderte Konsummuster – etwa die steigende Nachfrage nach Fleisch, das deutlich mehr Kalorien in der Produktion verbraucht, als es für die menschliche Ernährung verfügbar macht (IFPRI, 2022).  

Zweitens hat die COVID-19-Pandemie insbesondere urbane Haushalte direkt oder durch die zur Bekämpfung getroffenen Maßnahmen in finanzielle Not getrieben. Über diese lokalen Effekte hinaus hat die Pandemie zu einem weltweiten Angebotsschock in einer Vielzahl von Sektoren geführt und globale Lieferketten gestört, was weltweit die Preisentwicklung anheizt. Drittens beschert der fortschreitende Klimawandel und damit verbundene Phänomene wie Dürren oder Heuschreckenplagen in Ostafrika den Menschen in den betroffenen Regionen weitere Probleme. 

Hungerrisiko steigt 

Bereits vor dem Krieg in der Ukraine bestand in fast 50 Ländern weltweit das Risiko das „Zero Hunger“-Ziel für das Jahr 2030 zu verfehlen (Welthungerhilfe, 2021). Der Globale Hunger Index der Welthungerhilfe unterstreicht die kritische Situation aufgrund der genannten Krisen. Für 2021zeigte der Index ein besonders großes Problem in einer Reihe von afrikanischen Ländern. 

Starke Abhängigkeiten von ukrainischen und auch russischen Getreideimporten bestehen besonders in einigen afrikanischen Ländern, die sich bereits vor dem Konflikt durch Armut oder politische Instabilität in einer schwierigen Lage befanden. Die vulnerabelsten sind jene, in denen große Teile der Bevölkerung einen Großteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben. Für die Bevölkerung in Ländern wie Kenia und Nigeria sind es laut Daten aus dem Jahr 2016 im Schnitt über 50 Prozent (Our World in Data, 2016). 

Zwischen den Ländern Afrikas gibt es große Unterschiede, wie sehr sie auf bestimmte Getreidesorten und konkret auf Lieferungen aus der Ukraine und Russland angewiesen sind. Ägypten ist pro Kopf ein sehr großer Weizenkonsument und führt einen erheblichen Teil davon aus dem Ausland ein. Dort ist zudem der Anteil von Weizenimporten aus Russland und der Ukraine mit etwa 80 Prozent an den Gesamtimporten einer der höchsten weltweit (UNCTAD, 2022). In anderen Ländern, besonders im tropischen Afrika, wird weit weniger Weizen pro Kopf konsumiert, da andere Kohlenhydratquellen dominieren. Prozentual ist die Anhängigkeit von den Kriegsparteien jedoch auch dort teils hoch. Einzelne Länder mit geeigneten Anbaubedingungen können mittelfristig sogar profitieren, wenn sie die eigene Weizenproduktion ausweiten und den Preisanstieg sowie den Wegfall der hochproduktiven Konkurrenten Ukraine und Russland nutzen.  

Risiken unterschiedlich 

Die Betroffenheit verschiedener Länder ist also ganz unterschiedlich. Die langfristigen Folgen dieser  komplexen Zusammenhänge besser zu verstehen, hilft eine am Kiel Institut für Weltwirtschaft mit dem Handelsmodell KITE (Kiel Institute Trade Policy Evaluation) durchgeführte Simulation für die Getreideversorgung Afrikas. Betrachtet wurden Weizen und sonstiges Getreide wie Mais, Hirse, Gerste und Reis. Der Fokus auf Afrika ist gewählt, weil hier viele der vulnerabelsten Länder liegen, die Simulationen beinhalten aber Anpassungen am weltweiten Gleichgewicht. 

Von drei Szenarien geht eines davon aus, dass die Ukraine künftig in ihren Anbaumöglichkeiten für Getreide aufgrund von Zerstörung und Kriegswirtschaft stark limitiert ist. Vorausgesetzt wird ein Rückgang der Produktivität um 50 Prozent. Zusätzlich wird der Effekt gestiegener Transportkosten für den Handel sowohl mit der Ukraine (+50 Prozent) als auch mit Russland (+25 Prozent) berechnet. Und schließlich ein hypothetisches Szenario, das quantifiziert, wie sich die Situation verschärfen würde, wenn Russland seine Exporte von Getreide komplett stoppen würde. Die ausführlichen Ergebnisse sind in Balma et al. („Long-Run Impacts of the Conflict in Ukraine on Food Security in Africa“) zu finden.  

Wichtig für die Interpretation der Ergebnisse ist, dass es sich um ein Langfristmodell handelt. Die geschätzten Effekte in den Szenarien bilden die Situation ab, nachdem andere Produzenten ihre Anbaumengen aufgrund der gestiegenen Preise erhöht oder Anbau umgestellt haben. Kurzfristeffekte wurden nicht berechnet. Man sollte davon ausgehen, dass sie deutlich stärker ausfallen, weil die Anpassung von Anbaumengen und -produkten mindestens einige Quartale dauern wird. Bereits jetzt stützen viele Berichte aus betroffenen afrikanischen Ländern über sehr stark steigende Preise diese Einschätzung.  

Überschießende Preise vor Langfristfolgen 

Wir gehen daher davon aus, dass es vor dem Eintritt der berechneten Langfristeffekte längere Übergangspfade mit einem Überschießen der Preise geben wird. In dieser Zeit sind vulnerable Haushalte besonders gefährdet und bedürfen entsprechender Unterstützung. Neben der Langfristigkeit der Ergebnisse sollten die Zahlen nicht mit dem Zustand vor der COVID-19-Pandemie verglichen werden. Sie können hingegen als ein zusätzlicher Schock interpretiert werden, der durch den Ukrainekrieg zu den Kriseneffekten hinzukommt. 

Was sind also nun die grundlegenden Effekte? In allen Fällen sorgen fallende ukrainische und teils russische Ernte- und Exportmengen dafür, dass es zu höheren Preisen insbesondere beim Weizen im Großteil Afrikas kommt. Der Preisanstieg für ein gegebenes Land hängt davon ab, welche alternativen Produzenten gefunden werden können, zu welchen Preisen, und ob im eigenen Land fehlende Importmengen zum Teil selbst produziert werden können.  

Am stärksten wären die Effekte in den beiden nordafrikanischen Ländern Ägypten und Tunesien, weil dort die Abhängigkeit von Getreideimporten aus der Ukraine und aus Russland am höchsten ist. Aufgrund des hohen Pro-Kopf-Konsums von Weizen sind sie ein Grund zur Sorge. Aufgrund der kulturellen Verankerung des Weizens in den lokalen Küchen ist auch nicht damit zu rechnen, dass Konsumenten auf andere Nahrungsmittel ausweichen. Es sind also durchaus Situationen wie im arabischen Frühling denkbar, als gestiegene Lebensmittelpreise zumindest für einen Teil der Proteste der Auslöser waren. 

In deutlich ärmeren Ländern, beispielsweise Ruanda, Tansania, Mosambik, Kenia oder Kamerun, sind die berechneten Effektgrößen zwar geringer, der Schaden für die Menschen könnte aber umso dramatischer sein, weil die Ernährungssicherheit dort bereits sehr angespannt ist und die finanziellen Spielräume der Haushalte kleiner sind als für viele Haushalte in Nordafrika. Wie stark die Einfuhrmengen langfristig in dem Szenario sinkender Produktion und hoher Transportkosten auch aus Russland sinken würden, ist in der ersten Grafik dargestellt. 

Langfristig müssen sich nach der Modellrechnung allen voran Ägypten und Tunesien darauf einstellen, dass sie mehr als ein Zehntel ihrer Weizenimporte verlieren (s. nächste Graphik). Bei Ägypten sind es 13,3 Prozent, bei Tunesien 12,3 Prozent. Von der Weizenverknappung werden zudem insbesondere Äthiopien, Togo und Mozambique mit erwarteten Importausfällen zwischen knapp 11 Prozent und knapp 8 Prozent leiden. Bei anderen Getreiden wie Mais, die sowohl als Nahrungsmittel wie als Futtermittel in der Viehwirtschaft dienen, sind schwere Konsequenzen in weiteren Ländern in Sub-Sahara-Afrika zu erwarten, darunter neben den genannten auch in Kamerun, Südafrika, Guinea und in Senegal. In allen Ländern liegt der Preisauftrieb langfristig im einstelligen Prozentbereich, mit der Ausnahme von Tunesien für anderes Getreide (13,5 Prozent). 

Die nächsten beiden Grafiken zeigen die Effekte für den Fall, dass ein russischer Exportstopp sich verstetigt. Die Berechnungen zeigen, dass dieses Szenario in Ruanda zu einer Verringerung der Weizenimporte um fast die Hälfte führen würde (-48,4 Prozent). Der dortige Preis würde um mehr als ein Drittel steigen (+39,6 Prozent) und sich auf diesem Niveau einpendeln. Auch in Kenia (Importe -26,4 Prozent; Preise: +32,4 Prozent), in Tansania (Importe -36,9 Prozent; Preise +13,1 Prozent) und in Mosambik (Importe -21,4 Prozent; Preise: +15,1 Prozent) wären die Folgen mit Blick auf die Bezahlbarkeit von Weizen und damit auf die Ernährungssicherheit bedrohlich.  

Die Effekte auf Weizen sind in diesem Szenario deutlich stärker, weil Russland in seinen bisherigen Exporten noch weit mehr als die Ukraine darauf spezialisiert war. Die Modellrechnung lässt befürchten, dass viele Länder – nördlich wie südlich der Sahara – vor schweren Folgen für die Ernährungssicherheit stünden – insbesondere wo es wenige Alternativen zu Weizen gibt und eine Konsumanpassung schwerfällt. Bäckereien, die auf Weizenprodukte spezialisiert sind, würden große Teile ihrer Kundschaft verlieren und vielfach schließen müssen.

Kurzfristig wird in jedem Fall Hilfe für die vulnerablen Haushalte in Afrika notwendig werden. Dabei sollte aus unserer Sicht sowohl die Nachfrage- als auch die Angebotsseite in den Blick genommen werden. Eine der wichtigsten Lektionen der Ukraine-Krise ist, dass die starke Abhängigkeit ganzer Länder von einzelnen Lieferanten wie der Ukraine ein großes Risiko für die Ernährungssicherheit darstellt, auch wenn dies kurzfristig aufgrund niedriger Preise von Vorteil sein kann. Länder sollten versuchen, sich in ihrer Versorgung stärker zu diversifizieren.  

Engpässe überbrücken und Versorgung diversifizieren 

Dies ist eine Investition in die langfristige Ernährungssicherheit in einer geopolitisch instabileren Welt. Zur Diversifizierung gehört neben Handelspartnern auch der Blick auf den sich verstärkenden Klimawandel und die Anforderung, die Lebensmittelproduktion vor Ort resilienter zu machen. Außerdem sollte darüber nachgedacht werden, ob künftig strategische Nahrungsmittelreserven eine Option sein können, um negative kurzfristige Effekte abzufedern. Diese sollten nicht von einzelnen Staaten, sondern von internationalen Organisationen verwaltet werden.  

Global gibt es auch durch die Invasion der Ukraine nicht zu wenig Lebensmittel. Am Ende ist es eine Frage der Kaufkraft, ob sich jemand genügend zu essen leisten kann. Während wir uns in den reichen Ländern Lebensmittelverschwendung und einen ineffizienten Fleischkonsum leisten, bedroht der Preisanstieg auf den internationalen Agrarmärkten die Versorgung von ärmeren Haushalten in Entwicklungsländern. Nur wirtschaftlicher Aufschwung und Entwicklung in diesen Ländern senkt dauerhaft die Anfälligkeit für Preisanstiege und stärkt die Ernährungssicherheit. 

Tobias Heidland IfW, Kiel Institut für Weltwirtschaft.
Hendrik Mahlkow IfW, Kiel Institut für Weltwirtschaft
Sebastian Jaevervall IfW, Kiel Institut für Weltwirtschaft
Letzte Aktualisierung 14.04.2022

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