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  • Klima & Ressourcen
  • 04/2022
  • Dr. Susanne Schmeier
Schwerpunkt

Wasser – Ursache von Konflikten oder Quelle von Kooperation?

Obwohl viel um Wasser gestritten wird, überwiegt meist seine kooperationsfördernde Wirkung – solange alle Beteiligten erkennen, dass eine Eskalation unter Anrainern und Bevölkerungen nur Verlierer schafft.

Das Flusssystem des Amazonas umfasst mehr als 100.000 Flüsse. Ein Viertel des Süßwassers der Erde konzentriert sich in der Region. © World Resources Institute / CC BY-NC-SA 2.0 via Flickr

Wasser ist eine existenzielle Ressource für das menschliche Überleben, die wirtschaftliche Entwicklung, soziale Stabilität sowie für eine gesunde Umwelt. Süsswasserreserven geraten weltweit allerdings immer stärker unter Druck: Durch Bevölkerungswachstum, wirtschaftliches Wachstum, steigende Nachfrage, eine Verschlechterung von Böden und Ökosystemen und nicht zuletzt auch durch den Klimawandel werden Wasserressourcen an vielen Orten der Welt immer knapper, ihre Qualität verschlechtert sich. Wasserspezifische Extremereignisse wie etwa Hochwasser werden immer bedrohlicher.  

Bereits heute haben weltweit mehr als 2,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser (UN 2021). 2 Milliarden Menschen leben in Ländern, die unter starkem Wasserstress leiden (UN 2021). Bis 2030 werden es voraussichtlich knapp 2,4 Milliarden sein (WEF 2020). Als Folge könnten bis 2030 auch bis zu 700 Millionen Menschen aufgrund von Wasserknappheit zur Migration gezwungen werden (UNICEF 2021). Zahlreiche Ökosysteme leiden an negativen Folgen von Wasserübernutzung, was oft zur weiteren Verschlechterung von Wasserverfügbarkeit führt.  

Mit durchschnittlich 70 Prozent ist die Landwirtschaft weltweit der grösste Wasserverbraucher. In einigen Ländern, wie im Iran oder im Iraq, beträgt dieser Anteil sogar mehr als 90 Prozent. Die Weltbank rechnet bis 2050 mit einer rund 70 Prozent höheren landwirtschaftlichen Produktion. Dies wird den Druck auf Wasserressourcen weiter erhöhen, sofern die Effizienz der Bewässerung nicht erhöht wird. Die Konkurrenz um Wasser wird sich verschärfen, und die Landwirtschaft wird Wasseranteile an Industrie und den Dienstleistungssektor abgeben müssen. 

Der Klimawandel kann in vielen Regionen zu längeren Dürreperioden aber auch Überschwemmungen führen. Wasser ist dann nicht – wie bislang – zu bestimmten Jahreszeiten und in bestimmen Mengen verfügbar, sondern bleibt möglicherweise über Jahre hinweg aus.  

Wasser als Ursache von Konflikten?  

Es ist zu erwarten, dass es zwischen einzelnen Wassernutzern, Dorfgemeinschaften, ethnischen Gruppen oder auch ganzen Ländern zu Konflikten um die Verteilung und die Nutzung von vermeintlich oder tatsächlich weniger verfügbaren Wasserressourcen kommen wird.  

Als typisches Beispiel gilt der Konflikt zwischen Viehhirten und Farmern im inneren Nigerdelta in Mali. Seit 2015 haben dort die Spannungen zwischen verschiedenen Wassernutzern aufgrund geringerer Wasserverfügbarkeit – als Folge von Klimawandel sowie dem Bau von Staudämmen weiter am Oberlauf des Nigerflusses – zugenommen. Viehhirten stehen zunehmend mit Farmern im Wettbewerb. Es kam immer wieder zu gewaltsamen, oftmals auch tödlichen Auseinandersetzungen. Ähnliche Konflikte gab es auch im Iran. Dort hat die Verknappung von Wasserressourcen, nicht nur aufgrund von klimatischen Veränderungen, sondern auch aufgrund massiver Übernutzung im Rahmen nicht-nachhaltigen Wassermanagements, zu starken Spannungen zwischen Wassernutzern – vor allem zwischen ländlichen und urbanen Regionen – geführt. Es kam zu Gewalt gegen Infrastruktur und Menschen sowie zu Protesten gegen die Regierung, die diese gewaltsam niederschlug.  

Wenn Staaten mit ihren nationalen Sicherheitsinteressen um Wasser konkurrieren, wird es noch komplexer. Eines der bekanntesten Beispiele findet sich im Einzugsgebiet des Nils: Am Blauen Nil baut Äthiopien als Oberanrainer einen großen Staudamm (Grand Ethiopian Renaissance Dam), um Strom zu erzeugen und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes voranzubringen. Ägypten, als unterster Anrainer am Nil, befürchtet negative Folgen des Anstauens des Nilwassers für die eigene Wassernutzung, insbesondere in der Landwirtschaft. Seit Jahren hat dies zu einem dauerhaften Konflikt zwischen beiden Ländern geführt, der auch Kriegsdrohungen nicht ausließ. Der Nilbeckeninitiative, eine Flussgebietskommission, die sich zum Ziel gesetzt hat, alle Anrainerstaaten zur gemeinsamen Bewirtschaftung der Wasserressourcen zusammenzubringen, fehlt bislang zwar das rechtliche Mandat zu umfassender Arbeit – und der Rückzug Ägyptens hat sie weiter geschwächt. Dennoch trägt sie erheblich zur Begrenzung von Konflikten bei, indem sie eine Plattform zum Austausch bietet. 

Ob, warum und in welchem Umfang Wasser tatsächlich zu Konflikten führt, oder welche Rolle es in Konflikten spielt ist allerdings umstritten.  

Grundsätzlich ist festzustellen, dass Wasser so gut wie nie die alleinige und originäre Ursache von Konflikten ist. Selbst in den oben beschriebenen Beispielen, wo Nutzungskonkurrenz direkt zu Konflikten geführt hat, waren es letztlich weitere Faktoren – etwa bestehende ethnische und religiöse Konflikte zwischen Farmern und Viehzüchtern oder die mangelnde Bereitschaft der Regierung, den wirtschaftlichen Folgen eingeschränkter Wasserverfügbarkeit entgegenzutreten –, die Konflikte begünstigt haben.  

Konkurrenz und Konflikte um Wasser – immer gepaart mit zahlreichen anderen Ursachen – können auch zu Protesten und der Delegitimierung von Regierungen führen. So führten Proteste gegen unzureichende Wasserversorgung sowie gegen die Verschmutzung von Trinkwasser 2018 im Süden vom Irak zum Sturz der Regierung.   

Zusätzlich zu Konflikten zwischen Wassernutzern kann Wasserknappheit oder ein unzureichender Zugang zu Wasser Menschen auch zur Migration zwingen. Ein bekanntes Beispiel findet sich im Iran, wo in Teilen des Landes bis zu ein Drittel der Landwirte ihre Farmen verlassen und von ländlichen Gebieten in urbane Zentren migrieren mussten. Schätzungen gehen davon aus, dass bis 2050 bis zu 200 Millionen Menschen aufgrund von Wasserrisiken zur Migration gezwungen sein könnten (WEF 2019). Dies wiederum kann den Druck auf Wasserressourcen in aufnehmenden Regionen erhöhen. Kommen noch ethnische oder religiöse Differenzen hinzu, sind Auseinandersetzungen oft nicht auszuschliessen.  

Wasser als Waffe  

Wasserressourcen und -infrastruktur sind häufig auch das Ziel kriegerischer oder terroristischer Angriffe.  Die weitreichenden Zerstörungen von Wasseraufbereitungsanlagen, Bewässerungskanälen oder auch Entsalzungsanlagen im Krieg in Jemen zeigen auf dramatische Weise, welche Folgen dies haben kann: Die Nahrungsversorgung der Bevölkerung wird aufgrund der Auswirkungen auf die lokale Landwirtschaft immer problematischer, Ausbrüche von Cholera und anderen Krankheiten gefährden vor allem die schwächsten der Gesellschaft, und die unzuverlässige Versorgung mit Wasser beeinträchtigt die ohnehin geschwächte Wirtschaft.  

Der – teilweise erfolgreiche – Versuch des Islamischen Staates (IS) in Syrien und im Irak, Wasserinfrastruktur wie Staudämme in seine Gewalt zu bringen und sie als Waffe gegen Regierungen zu nutzen, hat zu umfassender Zerstörung von Häusern und Ackerflächen geführt und das Leben von Zehntausenden zusätzlich erschwert. Internationales Recht verbietet zwar die derartige Nutzung von Wasser ausdrücklich, doch es ist bislang kaum möglich, dies durchzusetzen – insbesondere gegenüber nicht-staatlichen Gewaltakteuren. 

Denn Wasserkonflikte entstehen oftmals nicht unmittelbar als Folge eines Wasserrisikos (wie etwa einer Dürre), sondern weil Institutionen auf lokaler, nationaler oder auch internationaler Ebene nicht in der Lage sind, sich an wasserbedingte Veränderungen anzupassen und negative Folgen für die Bevölkerung zu vermindern (Wolf et al. 2003). Im Iran beispielsweise ist es nicht nur die dramatische Übernutzung der Wasserressourcen, die zu – teilweise gewaltsamen – Auseinandersetzungen zwischen Stadtbevölkerung und Landwirten geführt hat. Vielmehr ist die Regierung aus politisch-ideologischen Gründen nicht in der Lage, ungleiche und unfaire Wassernutzung einzuschränken und dies rechtlich und politisch auch durchzusetzen. Dies bedeutet auch, dass Wasserkonflikte verhindert oder aber zumindest entschärft werden können – selbst, wenn die Wasserverfügbarkeit sich verschlechtert, oder im Anblick der massiven Herausforderungen, die der Klimawandel für den Wassersektor bringt.  

Ansätze zur Konfliktlösung  

Wasser ist somit in den seltensten Fällen aus rein physischen Gründen knapp. Meistens sind es Verteilungs- und Managementprobleme, die zu Knappheit – oder einer vermuteten Benachteiligung gegenüber anderen Menschen oder Gruppen – führen. Für Wasserkonflikte gilt daher, dass sie durch besseres Management, wenn nicht gelöst, so doch effektiv gehandhabt und in ihren Auswirkungen begrenzt werden können. Die Lösungsansätze können technisch, politisch sowie rechtlich-institutionell sein. 

Mit neuen Technologien lassen sich die Effizienz der Wassernutzung verbessern und neue Wasserressourcen erschließen. Dies kann dazu beitragen, die Konkurrenz um geringere Wasserressourcen zu mindern und damit Konflikten vorzubeugen. Die Entwicklung von Mehrzweckstaudämmen beispielsweise kann zusätzliche Nutzen über die Generierung von Wasserkraft hinaus bieten, die dann zwischen Anrainerstaaten geteilt werden und so mögliche negative Effekte auf die Volkswirtschaften von Unteranrainern zumindest teilweise ausgleichen können. Und die Entwicklung effizienterer Bewässerungssysteme und generell klimasensiblerer Anbaumethoden kann die Wassernutzung in der Landwirtschaft reduzieren und so insbesondere die Konflikte, die durch die (Über-)Nutzung von Wasser in der Landwirtschaft getrieben werden, entschärfen. Aber auch innovative Methoden, wie beispielsweise satellitengestützte Wege, um Daten und Informationen zu Wasserressourcen zu generieren, können Konflikten entgegenwirken. 

Auf politischer Ebene sind Verhandlungen entscheidend, um Wasserkonflikte managen können. Auseinandersetzungen entstehen oft aus der Annahme, dass die Wassernutzung durch eine Partei automatisch zu einer Verschlechterung der Situation der anderen Nutzer führt. Politische Prozesse, die die Teilhabe aller (potenziellen) Nutzer garantieren, können dieses Nullsummenspieldenken von Anfang an entschärfen und das Augenmerk auf kooperative Lösungen wie etwa den präferenziellen Handel mit anderen Anrainerstaaten legen. Angola, Namibia und Botswana, die sich mit dem Okavango einen ökologisch besonders sensiblen Fluss teilen, verhandeln derzeit eine neue Version des seit 1994 zwischen ihnen bestehenden Kooperationsabkommens, explizit mit dem Ziel, Konflikten zuvorzukommen, die sich eventuell an intensiveren Nutzungsinteressen am Oberlauf und den möglichen Folgen bei den Unteranrainern und im sensiblen Okavango Delta entzünden können. 

Der Okavango: Drei Länder teilen sich einen ökologisch besonders sensiblen Fluss. © Unsplash / wynand-uys / Public Domain via Flickr

In diesem Kontext spielt insbesondere die Einbeziehung verschiedener Wassernutzer, nicht nur gesamter Staaten, eine wichtige Rolle. Im Donaueinzugsgebiet beispielsweise organisiert die Internationale Donauschutzkommission regelmäßig Konsultationen mit allen Wassernutzungsinteressen im Rahmen ihres Einzugsgebietsplanungsprozesses. So werden potenzielle negative Folgen bestimmter Entwicklungen sowie mögliche Nutzungskonflikte frühzeitig identifiziert und kooperativ bearbeitet. 

Auf rechtlich-institutioneller Ebene können stabile Rahmenwerke sicherstellen, entstehende Konflikte friedlich zu lösen. Am Mekong beispielsweise stellten ein bereits 1995 zwischen Laos, Kambodscha, Thailand und Vietnam verhandeltes Abkommen – nur eines von mehr als 700 solcher Abkommen weltweit (McCracken et al. 2022) – sowie eine gemeinsame Flussgebietskommission sicher, dass der seit 2010 schwelende Konflikt um den Bau eines Staudamms am laotischen Teil des Flusses immer im Rahmen von Verhandlungen adressiert wurde. Damit eskalierte der Konflikt niemals so, wie es am Nil oder auch zwischen Afghanistan und Iran zu beobachten war.  

Solche technischen, politischen und rechtlich-institutionellen Kooperationsansätze und vor allem deren integrierte Anwendung – unter Einbezug von Wasserexperten, Vertretern wassernutzender Sektoren aber auch Diplomaten – werden inzwischen auch jenseits des Wassersektors populärer. Wassernutzer erkennen, dass kooperative Lösungen letztlich nützlicher sind als Alleingänge, was wiederum Anreize für Kooperation auch in anderen Sektoren schaffen kann. Dass das Protokoll zu grenzüberschreitenden Wasserressourcen in der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas (SADC) das erste regionale Kooperationsprotokoll war, dem danach viele weitere – von Freihandel über Sicherheitskooperation bis zu gemeinsamer Gesundheitspolitik – folgten, ist nur ein regionaler Beweis von vielen für diese integrierende Kraft von Wasser. Erfahrungsaustausch zwischen Flussgebieten, wie sie beispielsweise auch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit durch die GIZ fördert, kann solche positiven Beispiele weiterverbreiten und auch bislang skeptische Entscheidungsträger davon überzeugen, dass langfristig der Nutzen von Kooperation dem von unilateralem Handeln weit überwiegt.  

Wasser als Konfliktrisiko und Friedensressource  

Während Wasser also durchaus Konfliktpotential birgt, überwiegt letztlich doch seine kooperationsfördernde Wirkung. Wenngleich der globale Klimawandel und damit verbundene Herausforderungen für Wasserressourcen und die Menschen, die von ihnen abhängen, das Potenzial für Konflikte etwas erhöhen, so wird doch in den meisten Fällen deutlich bleiben, dass eine Eskalation um Wasser zu negativen Folgen für alle beteiligten Anrainer und ihre Bevölkerungen führen wird.  

Darüber hinaus werden Konflikte um Wasser zumeist friedlich und durch Verhandlungen gelöst und sie eskalieren nur äußert selten – und dann oft auch nur im Zusammenspiel mit zahlreichen anderen Faktoren. Viele potentielle Konflikte um Wasser können durch innovative technische Lösungen, gute Regierungsführung und einen funktionierenden rechtlich-institutionellen Rahmen verhindert oder aber zumindest entschärft werden. Mit ausreichend politischem Willen und einer besseren Anerkennung der besonderen Rolle, die Wasser – aber auch die Konflikte um Wasser – für uns, unsere Gemeinschaften und ganze Länder spielen, ist daher eine Zukunft der friedlichen Wasserkooperation durchaus möglich. Dies bedarf allerdings der Kompromissbereitschaft aller beteiligten Akteure und Sektoren, insbesondere auch der Landwirtschaft, dem bislang größten Wasserkonsumenten. 

Dr. Susanne Schmeier IHE Delft Institute for Water Education

Referenzen 

McCracken, Melissa, Alexandra Caplan, Erica Lynn Porta, Amanda Carlin, and Aaron T. Wolf. Forthcoming. “Trends in Allocation: Introduction to the Typology for Transboundary Water Allocation  

UN 2021. Summary Progress Update 2021: SDG 6 – water and sanitation for all, 24 Februar 2021, https://www.unwater.org/publications/summary-progress-update-2021-sdg-6-water-and-sanitation-for-all/  

UNICEF 2021. Water scarcity. Addressing the growing lack of available water to meet children’s needs, https://www.unicef.org/wash/water-scarcity#:~:text=Four%20billion%20people%20%E2%80%94%20almost%20two,by%20as%20early%20as%202025.  

Wolf, A., Yoffe, S. & Giordano, M. 2003. International waters: identifying basins at risk, Water Policy, 5, 29-60 

World Bank 2022. Water in Agriculture. World Bank website, https://www.worldbank.org/en/topic/water-in-agriculture#1  

World Economic Forum (WEF) 2019: How water scarcity triggers the refugee crisis – and what tech can do to solve it, https://www.weforum.org/agenda/2019/06/water-scarcity-refugee-crisis-tech-solve-it/  

World Economic Forum (WEF) 2020: 380 million people could face ‘water stress’ by 2015, climate experts warn, World Economic Forum, 5 Juni 2020, https://www.weforum.org/agenda/2020/06/world-population-water-stress-2050-climate-change/  

Letzte Aktualisierung 14.04.2022

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