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  • Wirtschaft & Menschenrechte
  • 12/2021
  • Monika Hoegen

Welterbe: Hunger und Elend im Naturparadies

Vor dem 50. Geburtstag der Welterbe-Konvention werden Reformen für Schutzzonen gefordert. Es geht auch um das Recht auf Nahrung der indigenen Bevölkerung.

Die Welterbe-Konvention der UNESCO schützt herausragende Naturlandschaften.

Vom Great Barrier Reef in Australien über Naturreservate im Kongo und in Zentralasien bis hin zu Machu Picchu in Peru: 218 der insgesamt 1154 Stätten der UNESCO Welterbe-Liste sind herausragende Naturlandschaften. Die Welterbe-Konvention, die diese faszinierenden und zugleich fragilen Gebiete schützt, wird im kommenden Jahr 50 Jahre alt. Doch für viele Menschen, die in oder um diese Gebiete leben, ist das kein Grund zum Feiern.

Eine von ihnen ist Naserian Taretoi, 70 Jahre alt, geboren im Ngorongoro National Park, einem Kratergebiet am Rande der Serengeti in Tansania, genauso wie ihre Eltern und Großeltern. „Wir lieben dieses Land und haben immer in Einklang mit den Wildtieren und der Natur hier gelebt“, sagt sie. Deshalb sei die Artenvielfalt noch so groß. Zu sehen ist vor allem Großwild (Elefanten, Löwen, Leoparden, Büffel und Nashörner). Riesige Gnu- und Zebraherden ziehen während ihrer jährlichen Wanderung über die Steppen. Das alles sei früher kein Problem gewesen, so Naserian. Doch der natürliche Reichtum des Gebietes „wurde zu einer großen Bürde für uns“. Und führte geradewegs in die Armut.

Das Schutzgebiet war 1959 als so genannte Multi Land Use Area eingerichtet worden, in der die lokale Bevölkerung – vorwiegend Massai und Semi-Nomaden – auch Weidewirtschaft betreiben durften. Doch später wurde diese Entscheidung revidiert. 1979 wurde der Nationalpark auf die UNESCO-Liste des Weltnaturerbes aufgenommen und 1981 als Biosphärenreservat ausgezeichnet. Zusätzlich wurde das Gebiet 2010 zum Weltkulturerbe erhoben. Landwirtschaft ist inzwischen in der Schutzzone verboten, seit 2016 dürfen auch die Viehherden bestimmte Bereiche nicht mehr durchweiden.

Hunger, Elend, Perspektivlosigkeit

„Wir leben wie Almosen-Empfänger und müssen in umliegenden Gebieten, wo noch gewirtschaftet werden darf, um Nahrung betteln,“ beschreibt Naserian ihre Not. Besonders schlimm sei die prekäre Nahrungssituation für Frauen und Kinder, so Naserian. Wie sie berichten viele indigene Einwohner des Ngorongoro – befragt von der lokalen NRO Pingo im Rahmen einer Feldstudie im Frühjahr 2021 – von Hunger, Elend und Perspektivlosigkeit.   

Ein kritischer Begleiter der politischen Entwicklung der Welterbe-Konvention ist der Gründer und geschäftsführende Direktor von World Heritage Watch, Stephan Dömpke. Der Leiter des Dachverbands internationaler Organisationen kennt viele Fälle, in denen das Bemühen um Naturschutz in direkten Konflikt zu den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung gerät – und deren Ernährungssicherung und Lebensexistenz bedroht. Ihm hat sich 2007 „die furchtbare Armut und schlimmen Lebensverhältnisse“ im Hohen Pamir Gebiet in Tadschikistan ins Gedächtnis gebrannt.

Im Pamir-Gebirge in Tadschikistan leben vor allem semi-nomadische Hirten.

In der kärglichen Hochgebirgs-Region leben vor allem semi-nomadische Hirten aus dem Nachbarland Kirgisistan. Ihre ohnehin geringen Möglichkeiten der Weide- und Viehwirtschaft wurden weiter eingeschränkt, nachdem das Gebiet 2013 zum Weltkulturerbe erklärt worden war. Im Winter fallen die Temperaturen auf extreme Minus-Grade, es gibt kaum Heizmaterial. Traditionell lebten die Menschen vom Verkauf des Jag-Fleisches. Doch der Export nach Kirgisistan wurde von der Regierung verboten – das Fleisch müsse in Tadschikistan selbst verkauft werden.

„Und das, obwohl die Tadschiken diese Fleischsorte nicht essen und die Hauptstadt Duschanbe zwei Tagesreisen entfernt ist“, sagt Dömpke. „Doch solche Realitäten vor Ort interessieren viele knallharte Naturschützer nicht.“ Und die Begutachter-Komitees für Weltkulturerbe-Stätten bekämen Einheimische gerade in solch entlegenen Gebieten kaum zu Gesicht. „Sie fliegen allenfalls mal mit dem Hubschrauber über das Gebiet.“ Es scheine dann oft menschenleer, „und nur noch die Schneeleoparden haben Priorität“.  

2015 machte World Heritage Watch in einem Bericht auf die Lage der Menschen am Hohen Pamir aufmerksam. Lokale NRO versuchen, alternative Einkommensquellen zu erschließen. Es fanden einige Gespräche zwischen der lokalen Bevölkerung und Regierungsvertretern statt. Doch bislang hat sich an der Situation nicht viel geändert, sagt Dömpke. Dahinter steckten Bürokratie und mangelndes Verständnis der Verantwortlichen in Duschanbe für die entlegene und ihnen unbekannte Region. "Es ist aber auch zu vermuten, dass zusätzlich politische Interessen Tadschikistans gegenüber Kirgisistan im Spiel sind.“

Nachweisbare Gespräche

Dömpke ist weder ein Gegner von globalem Natur- und Biosphärenschutz noch will er den Weltkulturerbe-Status für Gebiete wie im Pamir-Gebirge aufheben. Es müsse sich aber die Handhabung ändern. So müssten die Komitees, die über das Naturerbe entscheiden, nachweisbar und regelmäßig Gespräche mit den Anwohnern führen und dokumentieren. „Wenn man will, kann man das alles sehr gut machen.“ 

Vielerorts passiert aber immer noch das Gegenteil – wie in Thailand, wo ein aktueller Fall viel internationale Kritik auslöste. Die Volksgruppe der Karen wurde bei der Aufnahme des Waldkomplexes Kaeng Krachan, dem größten heimischen Nationalpark, in die Weltkulturerbe-Liste komplett übergangen. Das sagen zahlreiche Beobachter. Mehrfach hatten UN-Menschenrechtsexperten dem UNESCO-Weltkulturerbe-Komitee geraten, der Forderung Thailands nach Naturerbe-Status nicht nachzugeben.

Sie berichteten von Sorgen über Menschenrechtsverstöße gegen Karen im Naturpark. Die indigene Bevölkerung werde gewaltsam aus dem Park vertrieben, ihre Häuser niedergebrannt, ein lokaler Führer sei ermordet worden, Aktivisten stünden unter massivem Druck, aber Konsultationen zwischen Regierung und lokaler Bevölkerung gebe es nicht. Zweimal hatte die UNESCO 2016 und 2019 das thailändische Ansinnen abgelehnt. Doch im Juli 2021 wurde Kaeng Krachan doch in das Weltkulturerbe aufgenommen.

Der Regenwald Kaeng Krachan, der größte Nationalpark Thailands, wurde 2021 zum Weltkulturerbe.

„Wir stellen immer wieder fest, dass die Rechte der indigenen Bevölkerung, so wie sie im Völkerrecht verankert sind, nicht eingehalten werden“, sagt Chris Chapman, Experte für indigene Menschenrechte bei Amnesty International. Vor allem das Gebot des „free and prior consent“ von Indigenen bei der Entscheidung über Naturschutzgebiete – also ihr Recht auf Anhörung und Zustimmung – werde häufig übergangen. Chapman recherchiert gerade die Menschenrechtslage in Kahuzi Biega, einem Regenwald mit enormer Vielfalt an Flora und Fauna – und Heimstatt einer der letzten Gruppen der Graueri Gorillas in der DR Kongo.

Der Regenwald ist seit 1980 als Welterbe gelistet und wurde 1997 in die Liste der gefährdeten Welterbe-Stätten aufgenommen – aufgrund bewaffneter Konflikte, politischer Instabilität, hohem Flüchtlingsaufkommen und zunehmender Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. Allerdings ist es auch dieser Status, der die Lage der Anwohner in und um das Gebiet besonders prekär macht. Auch hier sind Chapman zufolge Vertreibung, Hunger und Elend an der Tagesordnung.

Könnte eine so international anerkannte Organisation wie die UNESCO also nicht besser hinschauen, wenn sie den Welterbe-Status und damit ein global sehr geschätztes Label vergibt? Der Amnesty-Experte warnt, das sei nicht so einfach, wie es scheint. „Man muss verstehen, dass in den Welterbe-Komitees keine unabhängigen Experten sitzen, sondern Regierungsvertreter und Diplomaten der jeweiligen Länder.“

Vorwürfe wiederholen sich

Mangelnde Anhörung der Indigenen, Vertreibung, Entzug der Lebensgrundlage ohne Kompensation – diese Vorwürfe werden mit Blick auf viele Naturerbe-Stätten immer wieder laut. So beklagen Bewohner des Ngorongoro-Gebiets, dass sie an den erheblichen Einnahmen der Regierung in Tansania aus dem Tourismus in keiner Weise beteiligt werden. Ein weiteres Problem: Bei der Besetzung der Parkverwaltung werden Anwohner übergangen – Jobs als Ranger erhalten sie kaum.

„Bei diesen Entscheidungen spielt oft Rassismus gegenüber Indigenen eine Rolle“, sagt Chapman. „Den Anwohnern wird unterstellt, sie holzen doch nur alles ab und haben kein Verständnis für die Natur. Dabei sind gerade sie diejenigen, die ihre Umgebung über Generationen hinweg am besten geschützt haben.“ Von ihrem Wissen könne man gerade aus Naturschutzsicht enorm profitieren – ohne Indigene gleich zu verklären, "wie es manche NRO auch tun". Der Schlüssel sei „Dialog und vernünftiges Komanagement“.

Noch gibt es jedoch wenige kritische Stimmen. „Welterbe – das hat erstmal ein durchweg positives Image“, mahnt Dömpke von World Heritage Watch, „da denken alle nur, das ist toll und hinterfragen es nicht weiter. Genau hingeschaut, wie die Situation vor Ort wirklich ist, wird selten.“ Oberflächlich sichtbar sei vor allem die Feierstimmung.

Forderungskatalog für Reform

Im Vorfeld des 50. Jahrestages der Welterbe-Konvention hat der Dachverband jetzt allerdings einen umfangreichen Forderungskatalog zur Reform vorgelegt. Obenan steht eine Entpolitisierung der Entscheidung über Kultur- und Naturerbe-Stätten, die Beachtung der Menschenrechte und eine viel stärkere Beteiligung der Zivilgesellschaft bei den Entscheidungsprozessen, auch um das Recht auf Nahrung und Lebensexistenz dauerhaft zu sichern. Denn entgegen landläufiger Meinung seien Nationalparks keine menschenleeren Gebiete. Zudem wird gefordert, dass die Liste nicht immer „inflationärer“ wird – insbesondere sollten Staaten in Europa, die schon über viele Erbe-Stätten verfügen, weitere Vorschläge zugunsten anderer Weltgegenden aussetzen.

Verständnis für diese Forderungen gibt es durchaus. So etwa bei einem von World Heritage organisierten Ehemaligen-Treffen führender UNESCO-Experten – darunter Ex-DirektorInnen des UNESCO-Welterbezentrums sowie Ex-Mitarbeiter der Beratergremien ICOMOS (Internationaler Denkmalrat) und IUCN (Weltnaturschutzunion) in Potsdam.

Die UNESCO-Administration in Paris tut sich hingegen mit offiziellen Stellungnahmen zu Interessenkonflikten, regionalen Problemlagen und dem Ruf nach Reform noch schwer. Guy Debonnet, Leiter der Natural Heritage Unit, verweist darauf, dass das Welterbe-Komitee im vergangenen Juli auch die schwelenden Konflikte mit den Einwohnern im Ngorongoro Park diskutiert habe. Jedoch beschreibt er das Bevölkerungswachstum in der Schutzzone als das größte Problem – ähnlich wie 2019 der Bericht einer UNESCO Monitoring-Kommission, der den damit verbundenen Häuser- und Straßenbau in den Fokus rückte. Von Hunger war keine Rede.

Vorwurf des "Aushungerns"

Zivilgesellschaftliche Organisationen ziehen seither gegen „den Mythos des Bevölkerungswachstums“ ins Feld. Der Regierung werfen sie ein „Aushungern“ der Menschen vor, um sie aus dem Nationalpark zu vertreiben. Denn in Wahrheit gehe es um den ungehemmten Ausbau im Tourismus, welcher wiederum die wahre Bedrohung für das Gebiet sei. Im Mai 2021 erging eine Petition an die neue Präsidentin Samia Suluhu Hassan, die Vertreibungen zu stoppen. Auf diese Problmatik hätten NRO auch die UNESCO hingewiesen, bestätigt Debonnet: „Wir haben bei der Regierung in Tansania nachgefragt, und sie hat versichert, das sei nicht der Fall.“

Debonnet setzt darauf, bessere Dialog- und Konsultationsprozesse zu etablieren und den Plan zur multiplen Landnutzung für alle Seiten verträglicher umzusetzen. Zu Ernährungs- und Hungerproblemen äußert er sich nicht – und verweist auf die Beteiligungs- und Zustimmungsrechte der Indigenen im gesamten Prozess. Für World Heritage Watch jedoch klaffen die Worte auf dem Papier und die Realitäten vor Ort viel zu weit auseinander.

Seit 2002, als die vier Cs (Conservation, Credibility, Communication and Capacity-Building) in der „Budapester Erklärung für strategische Ziele“ verabschiedet wurden, und elf Jahre nach der Annahme des fünften C (für Communities) "sind lokale Gemeinschaften, Zivilgesellschaft und indigene Völker noch nicht vollständig in die Arbeit der Konvention integriert", heißt es in dem Forderungskatalog. Ein strategisches Ziel sei daher, die Rechte von Zivilgesellschaft und Indigenen auf Teilhabe und Kooperation „in allen Strukturen und Prozessen der Welterbekonvention“ zu verankern, um Schutz, Erhalt und Akzeptanz des Welterbes zu stärken.

Wohl hat das Welterbe-Komitee diese Ziele bereits formuliert und auch immer wieder überarbeitet. Doch die Verbesserungen reichen aus Sicht der Kritiker nicht aus. So sollten bei den Entscheidungen künftig mehr Transparenz und Bürgerbeteiligung vorgeschrieben werden – darunter ein Rederecht und die Berichtsmöglichkeit für NRO. World Heritage Watch fordert zudem, Welterbe zu einem Thema der Entwicklungszusammenarbeit zu machen. Seine Forderungen richtete der Dachverband an die Generalversammlung der Mitgliedsstaaten der Welterbe-Konvention im November dieses Jahres.

Bei der UNESCO werden derlei Appelle wie auch die Ergebnisse des Potsdamer Treffens zunächst registriert. Intern wird eine Resolution auf den Weg gebracht, um „darüber nachzudenken, wie lokale Gemeinschaften künftig besser involviert werden können“. Inwieweit all diesen Bemühungen Taten folgen und das Recht der Menschen auf Nahrung, Ernährungs- und Existenzsicherung in den größten Naturgebieten der Welt besser geschützt werden kann, muss sich nun im Welterbe-Jubiläumsjahr 2022 zeigen. 

Monika Hoegen Schwerpunkt Entwicklungspolitik, Nachhaltigkeit und Globales
Letzte Aktualisierung 15.12.2021

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