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  • Klima & Ressourcen
  • 10/2019
  • Marina Zapf
Schwerpunkt

Welthunger-Index: Kampf um Klima muss auch Kampf gegen Unterernährung sein

Die Bedeutung von Klimastress für die Hungernden muss viel stärkere Beachtung finden. Denn er multipliziert die Belastungen. Ein Interview

Extreme Wetterereignisse häufen sich. In Somalia wechseln Fluten und Dürren sich ab und bringen Menschen in zusätzliche Not.

Frau Mukerji, Ihr Essay für den diesjährigen Welthungerindex sendet deutliche Warnsignale, dass der Klimawandel die Ernährungssysteme weltweit ernsthaft beeinträchtigen wird. Gibt es Schätzungen, wie die Zahl der Hungernden dadurch steigen könnte?

Der Klimawandel ist ein Stressmultiplikator. Die Gründe dafür, dass Hunger fortbesteht, obwohl ausreichend Nahrungsmittel produziert werden, sind Armut, Ungleichheit, Konflikte, Kriege und extreme Wetterereignisse. Diese Belastungen werden durch den Klimawandel noch verschärft. Derzeit hungern über 822 Millionen Menschen, 151 Millionen Kinder sind im Wachstum verzögert, 613 Millionen Frauen und Mädchen im Alter von 15 bis 49 Jahren sind anämisch. Wenn alle anderen nicht klimabezogenen Faktoren und Rückkopplungseffekte unverändert blieben, würden klima-bedingt allein weitere 183 Millionen Menschen hungern, verglichen mit einem Szenario ohne Klimawandel. Wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass alle Szenarien zur Minderung von Klimatreibern und zur Anpassung an die Folgen in beträchtlichem Maße auch Strategien zur Bodennutzung als Kohlenstoffspeicher oder für Energiepflanzen beinhalten, was zusätzlich die Ernährungssicherheit bedrohen kann wird.

Bislang überwiegt in der Klimadebatte der Blick auf die Umwelt und die Energiewende. Haben wir die Risiken für die Ernährungssicherheit vernachlässigt? Es gab doch entsprechende Warnungen...

Ja, das ist so. In der Entwicklungshilfe ist das seit drei Jahrzehnten ein zentrales Anliegen. Zu lange wurde der Klimawandel als umwelt- und verschmutzungsbezogenes Phänomen behandelt, obwohl er Entwicklung gefährdet. Jetzt stehen wir vor den Scherben. Eine Diskussion über lange Zeithorizonte können wir uns nicht mehr leisten. Das Thema war ein umweltpolitisches, Ministerien stritten um Töpfe der Klimafinanzierung. Dass der Kern des Problems die Menschen und ihre Lebensgrundlage betrifft und die Nachhaltigkeit ihrer gewählten Entwicklungspfade, ist global, national und regional leider aus dem Blickfeld geraten.

Ändert sich das gerade?

Jetzt stellen die Handlungsstränge aus dem Pariser Abkommen, der Agenda 2030, der Weltkonferenz zur Katastrophenvorsorge und den Sonderberichten des Weltklimarats (IPCC) über Land, Ozeane und die Kryosphäre wieder die Menschen, ihre Lebensgrundlagen und die Risiken aus dem Klimawandel und anderen Treibern in den Fokus unseres Entwicklungsdiskurses. Diese Dynamik muss national und lokal aufgegriffen und sich mit den Stimmen und Bedürfnissen der Bürger – von heute und morgen – verbinden. Diese haben zum Glück ein Ausmaß erreicht, das nicht mehr ignoriert werden kann.

Maisfelder in Malawi. Eine Dürre hat die Ernte erheblich beeinträchtigt. © Welthungerhilfe

Zurück zum Hunger. Gehen die Erträge wichtiger Kulturpflanzen wie Mais und Weizen oder nährstoffreiche Kulturen wie Hirse, Linsen, Obst und Gemüse bereits zurück?

Die Folgen des Klimawandels für die Produktivität variieren. Je nach Klimatreiber wie Niederschlagsmuster, Trends und Extremen in Temperaturen wirkt er sich spezifisch auf bestimmte Kulturen und Sorten aus. Durch verbesserte Praktiken gibt es auch Potenzial, die Erträge in vielen Weltregionen zu steigern. Eine kürzlich im Landbericht des IPCC zitierte Studie stellt aber anhand einer kontrafaktischen Analyse einen klimabedingten Rückgang der globalen Erträge von Mais, Weizen und Soja von 1981-2010 fest. Die Weizenerträge in bevölkerungsreichen Ländern wie Indien und Pakistan sind trotz Anpassungsmaßnahmen infolge der Erwärmung gesunken. Die Aussaatzeiten von Mais verschieben sich, was sich wiederum auf den Ertrag auswirkt. 

Welche Gebiete sind besonders betroffen?

Die tropischen und subtropischen Regionen sind am stärksten gefährdet. Ebenso wie Trockengebiete, in und von denen rund 2,5 Milliarden Menschen hauptsächlich in den Entwicklungsländern leben. Sie sind besonders anfällig für die klimabedingte Ernährungsunsicherheit, und ihre Widerstandskraft ist bereits schwach. Die Erträge von Grundnahrungsmitteln wie Mais, Weizen, Sorghum und Früchten sind in ganz Afrika rückläufig, das vergrößert die Lücken in der Ernährungssicherheit.

Eine weitere gefährdete Gruppe sind Pastoralgemeinschaften von 200 bis 500 Millionen Menschen. Ihre Überlebensstrategien sind fein austariert, und die Produktivität ihrer Tiere und Weiden leidet unter den Klimafolgen und sinkender Biodiversität. Drei Viertel aller Länder der Welt haben nomadische, agro-pastorale und von Wanderweidewirtschaft lebende Hirtenvölker. Konflikte um Ressourcen in bereits fragilen Regionen der Welt können sich weiter verschärfen.

Obst und Gemüse können von einer längeren Anbausaison profitieren, aber Hitzestress kann die Nährwerte beeinträchtigen und Gemüse zu schnell reifen lassen. Das belastet Erträge und Qualität. Auch hiervon sind die Tropen und Subtropen am stärksten gefährdet, wo die Armut schon weit verbreitet ist.

2,5 Milliarden Menschen leben in Trockengebieten, hauptsächlich in Entwicklungsländern, und sind besonders anfällig für klimabedingte Ernährungsunsicherheit.

Rupa Mukerji Leitende Beraterin für Anpassung an Klimafolgen bei der Schweizer Organisation Helvetas und Gastautorin des Welthunger-Index 2019
Welthunger-Index 2019: Von Hunger und Unterernährung betroffene Gebiete nach Schweregrad der Situation von "ernst" bis "niedrig" © WHH

Wie verhält es sich mit der Versorgung der Armen in den Städten? Wenn die Erträge sinken, steigen die Preise und ihr Zugang zu Lebensmitteln wird erschwert?

Preisspitzen bei Lebensmitteln sind das Ergebnis mehrerer Faktoren. In den letzten Jahren haben klimabedingte Ertragsausfälle in einer Region die Lebensmittelpreise in weiten Teilen der Welt in die Höhe getrieben. Isoliert von allen anderen Faktoren prognostizieren globale Ernte- und Wirtschaftsmodelle, dass die Getreidepreise aufgrund des Klimawandels um bis zu 29 Prozent steigen könnten. Haushalte mit niedrigem Einkommen, insbesondere die wachsende Zahl der städtischen Armen, werden besonders leiden, da sie einen Großteil ihrer Einkommen auf Lebensmittel verwenden. Jüngste Beispiele sind die Folgen von El Nino 2015-16 auf die Nahrungsmittelproduktion und Ernährungsnöte. Der Anstieg der Weltmarktpreise 2010 ist auch mit Dürren in wichtigen Anbauregionen verschiedener Kontinente verbunden. Geringverdiener nehmen mehr Arbeit an oder drosseln ihre Nahrungsaufnahme. Solche Querverbindungen werden häufiger und schädlicher werden, da alle Länder der Welt in gewissem Maße vom Lebensmittelhandel abhängen.    

Was ist mit den ländlichen Armen in einkommensschwachen Gebieten, die für ihre Ernährung stark von pflanzlichen Quellen abhängig sind

Ein hoher CO2-Gehalt in der Atmosphäre kann den Nährwert von Lebensmitteln beeinflussen. Studien an Weizen zeigen, dass er zu einer Absenkung der Protein-, Zink- und Eisengehalte führt. Für arme Gemeinschaften, die sich weitgehend auf pflanzlicher Basis ernähren, ist dies ein zusätzliches Risiko. Wenn aufgrund von Klimafaktoren - wie erhöhter Luftfeuchtigkeit und Temperaturen – Menge und Qualität leiden, birgt das die Gefahr, dass sowohl der Zugang zu Lebensmitteln schwieriger wird als auch der Nährstoffgehalt sinkt und Lebensmittel stärker kontaminiert werden.     

Kima-Apartheid droht

Werden bedrohte lokale Gemeinschaften in den gefährdetsten Gebieten allein gelassen, wenn es darum geht, sich anzupassen und ihre Anbaumethoden nachhaltiger zu gestalten? Das Centre for Global Adaptation warnte gerade davor, dass wir "eine Klima-Apartheid riskieren, bei der die Reichen für die Flucht bezahlen, während der Rest der Welt leiden muss". Der Klimawandel könne für bereits gefährdete Menschen zu einer lebenslangen Haftstrafe in Armut werden.

Das ist in der Tat sehr wahr. In den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Regionen leben bereits viele der ärmsten Menschen, die am wenigsten in der Lage sind, mit den Folgen umzugehen. Die Ökosysteme und ihre Lebensgrundlagen sind selbst für kleine Temperatur- oder Niederschlagsschwankungen sehr anfällig. In den Trockengebieten der Welt leben rund 2,5 Milliarden Menschen. Um sich an die Umstände anzupassen brauchen sie forschungsbasierte Optionen, die verbreitet werden müssen, Akteure in Wertschöpfungsketten müssen zusammenarbeiten, der Privatsektor muss in Risikominderung investieren. Auch die Förderung agroökologischer Praktiken in großem Maßstab und die nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft müssen ganz oben auf der politischen Agenda stehen.

Und denken Sie auch an die 200 bis 500 Millionen Pastoralisten, die gleich mehreren Risiken ausgesetzt sind, die alle Aspekte ihres Lebensunterhalts betreffen – vom Wohl ihrer Tiere und deren Fortpflanzung bis zur Produktivität der Weideflächen. Auch sie benötigen Zugang zu Forschung und Techniken der Anpassung oder gar Umstellung ihrer Lebensweisen. Auf die Risiken für Berg- und Küstengemeinden hat gerade der Weltklimarat hingewiesen. Viele Regierungen beginnen erst, sich mit dieser neuen Realität auseinanderzusetzen.

Schwimmende Beete in Bangladesch. Die Küstenregionen des Landes gehören zu den klima-bedingten Hochrisikogebieten. © Welthungerhilfe

Aus deutschen Geldern für Klimaschutz an andere Länder fließen 40 Prozent in die Anpassung, mit dem Fokus auf Frühwarnsysteme, klimabeständige Infrastruktur, verbesserte Trockenlandwirtschaft, Mangrovenschutz und belastbare Wasserressourcen. Die Bundesregierung bezeichnet diese als Schlüsselbereiche. Kommt die Ernährungssicherheit hier zu kurz?

Ernährungssicherheit zu gewährleisten ist der Kern von Artikel 2 der UN-Klimarahmenkonvention. Sie muss im Zentrum aller Politiken stehen, einschließlich der Klimapolitik. Aber wir müssen auch über Maßnahmen zur Minderung von Treibhausgasen sprechen, bei der die Land- und Forstwirtschaft eine wichtige Rolle zur Aufnahme emittierter Treibhausgase spielt.

Wettbewerb um Land wird sich verschärfen

Sie meinen zum Beispiel großflächige Plantagen wie Mais, Ölpalmen oder Raps?

Die Reaktionen auf den Klimawandel wirken sich auch auf die Ernährungssicherheit aus.  Das Pariser Klimaschutzabkommen und die Bemühungen, innerhalb des globalen 2 Grad-Ziels zu bleiben, beinhalten sowohl den groß angelegten Einsatz von Bioenergie als auch CO2-Abscheidung und Speicherung in Böden. Es wird erwartet, dass solche Lösungen zwischen 2030 und 2050 massiv genutzt werden – auf rund 20 Millionen Hektar pro Jahr. Eine veränderte Landnutzung in dieser Größenordnung ist beispiellos in der Geschichte der Menschheit. Es besteht die ernste Gefahr, dass der Wettbewerb um Land für Nahrungsmittel und für den Kampf gegen den Klimawandel sich verschärft.

Und das wird zum Nachteil der Ernährungssicherheit geschehen?

Die Zielkonflikte sind enorm. Und Menschen ohne Sicherheit in Bezug auf ihr Land, ihre Stimme oder ihre Macht, die noch dazu in geschädigten Ökosystemen (mit niedrigem CO2-Ausstoß) leben, werden am ehesten den Verdrängungsdruck zu spüren bekommen, wenn Land für die Kohlenstoffminderung gebraucht wird. Wo die Regierungsführung schlecht ist und die Staatlichkeit fragil, haben die Armen und Rechtlosen wenig formale Mittel, sich zu wehren und fair behandelt zu werden. Konflikte, Armut, Hunger und notgedrungene Migration werden die Folge sein.

Der Palmölboom erreicht auch Teile Afrikas. Besonders in West- und Zentralafrika, wo der kleinbäuerliche Anbau von Ölpalmen eine lange Tradition hat, konzentrieren sich Großprojekte. © Tafilah Yusof via Pixabay

Was halten sie für notwendig, um diese Menschen zu schützen?

Entwicklungspolitik muss lokale Sicherheitsnetze knüpfen, örtliche Potenziale nutzen und die Wirtschaft stimulieren. Und das in großem Umfang. Sie muss dafür aber die Silos verlassen, die von der Arbeitsteilung externer Hilfsagenturen bestimmt werden, und davon, wie sie ihre Ressourcen verteilen. Wir müssen in der Lage sein, entlang des Kontinuums von Katastrophen- und Klimarisikominderung, Vorsorge, humanitärer Hilfe und Entwicklung zu arbeiten und diese Silos zu durchbrechen. Sie werden zu einem Hindernis für sinnvolles Handeln, das auf ortsbezogene Bedürfnisse eingeht.

Wer sollte denn die entsprechenden Strategien formulieren?

Die Reaktionen auf den Klimawandel müssen auf die positiven Erfahrungen aus über 70 Jahren Entwicklungszusammenarbeit zurückgreifen und bekannte Fallstricke vermeiden. Die Gefahr ist doch, dass Technokraten top-down Politik und Strategien entwerfen. Um die Pariser Ziele zu erreichen machen nationale Regierungen dann Zusagen, und die Gefahr ist real, dass internationale Gelder schließlich Optionen für lokale Lebensgrundlagen zerstören und die Möglichkeiten, sich überhaupt an neue Umstände anzupassen. Es muss viel mehr investiert werden, um die nationalen Beiträge zum Pariser Ziel zu erden und die lokalen Zielkonflikte zu verstehen und zu bewältigen. Das kann dann auch außerhalb der weltweit als „Schlüsselbereiche“ formulierten Ansätze liegen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass der Klimawandel mit vielen anderen Faktoren der Verwundbarkeit zusammenfällt und als Stressmultiplikator wirkt. Wenn Geberländer zum Beispiel Projekte für europäische Wetterdienste zur Klimaprognose vorantreiben, ist das wichtig, aber arme Haushalte, die um das tägliche Überleben ringen, haben meist dringendere Nöte, wie der Zugang zu Wasser oder zu Saatgut. Klimapolitik und die genannten „Schlüsselbereiche“ der Anpassung können nur wirksam unterstützen, wenn grundlegende Menschenrechte wie der Zugang zu Nahrung und sauberem Wasser erfüllt werden.

Marina Zapf Team Welternährung.de
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Letzte Aktualisierung 15.10.2019

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