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  • Krisen & Humanitäre Hilfe
  • 12/2020
  • Marina Zapf

"Wer jetzt zurückkommt, findet keinen Ort"

Die angekündigte Schließung von Flüchtlingslagern wirft Nordirak in den Notstand zurück. Die Städte sind voll und die Konten humanitärer Hilfe leer. Der Landesdirektor der Welthungerhilfe schildert die Lage. Ein Interview.

Eine jesidische Familie in einem Hausrohbau nach ihrer Flucht vor Kämpfen in den Bergen 2015. Vier Millionen Binnenflüchtlinge sind in ihre Heimat zurückgekehrt, etwa 1,5 Millionen sollen die verbleibenden Lager bald verlassen. © Lass / Welthungerhilfe

Herr Wiahl, jahrelange Konflikte im Irak haben Millionen Menschen entwurzelt. Befindet sich Ihr Projektgebiet Nordirak immer noch im Notstand, oder kehren Sie zu diesem Modus gerade zurück? Unter anderem wegen der Coronakrise?

In den Jahren 2018 und 2019 hat sich unsere Tätigkeit mehr in Richtung Wiederaufbau und teilweise Entwicklung verlagert. Das Jahr 2020 bedeutet für uns, den Rückwärtsgang einzulegen: Ein wichtiger Faktor dafür ist das Coronavirus, die Covid-19-Pandemie hat auch Nordirak nicht verschont. Ein weiterer Grund ist der starke Zufluss von Rückkehrern in die Provinz Ninive in der zweiten Jahreshälfte. So sind wir wieder Notstandsgebiet und müssen Aktivitäten des Wiederaufbaus mit humanitärer Hilfe kombinieren. Tatsächlich haben wir gerade Lebensmittelhilfe im Auftrag des Welternährungsprogramms verteilt. Das hätten wir uns vor einem Jahr nicht träumen lässen.

Ist das nur eine vorübergehende Situation?

Die Umstände haben sich innerhalb eines Jahres dramatisch verändert. Wir gehen davon aus, dass die Lage auch 2021 so bleiben wird. Der Zustrom von Menschen und Covid-19, beides wird uns erhalten bleiben. Der Bedarf für humanitäre Hilfe wird damit vor allem in Nordwest- und Zentralirak steigen.

Nach zuverlässigen Zahlen kehrten mehr als 4 Millionen Binnen- und andere Flüchtlinge in ihre Heimatgebiete zurück, allein in der Provinz Ninive sollen es 1,7 Millionen sein. Es scheint aber einen neuen Schub zu geben. Wie kommt das?

In einigen Gebieten hat sich die Sicherheitslage verbessert, andere wurden von Minen und Sprengstoff geräumt, so dass eine Rückkehr sicher ist. Es gab auch formelle Vereinbarungen zwischen offiziellen Stellen, die Binnenflüchtlinge ermutigt haben, in ihre Heimat zurückzukehren. Die Unterstützung für Camps hat abgenommen. Und die Aussicht auf die Schließung verbleibender Lager löst Wanderungsdruck aus. 

Die meisten Projekte der Welthungerhilfe helfen Vertriebenen und Flüchtlingen. Welchen Gefahren sind sie durch Coronakrise zusätzlich ausgesetzt? Es wird auch von Wohnungsräumungen berichtet.

Die Menschen machen sich aus unterschiedlichen Gründen auf den Weg. Einige Lager wurden 2020 geschlossen. Für Rückkehrer fehlt nun häufig die Unterkunft und sanitäre Einrichtungen, das ist das größte Risiko und macht verwundbar für das Virus. Zumal auch der Zugang zu Hygieneartikeln und persönlicher Schutzausrüstung oftmals fehlt. Häufig müssen Menschen sich überfüllte Unterkünfte teilen, weil die Zentren der Städte inzwischen voll sind, die Infrastruktur und die Aufnahmemöglichkeiten stoßen an die Grenzen.

Zur Person

Jonas Wiahl ist Landesdirektor der Welthungerhilfe in Nordirak seit 2015. Er leitet sechs Programme im Umfang von rund 12 Millionen Euro, die zum großen Teil von Deutschland finanziert werden. Ein Team von mehr als 100 Mitarbeitern ist seit dem Ende der Konflikte vor allem in der nordwestlichen Provinz Ninive aktiv, in Gebieten zwischen den Städten Mossul, Dohuk, Sindschar und Talafar mit Feldbüros in Distrikten wie Sinuni oder Zummar.

 

Die Nachkommenden haben also weniger Chancen?

Da wo es Angebote zum Wiederaufbau von Infrastruktur und zur Lebensgrundlage gab, wurden diese gut angenommen. Jetzt wird es schwieriger, und häufig wollen Menschen in ländliche Gebiete zurück, wo ihre Unterkünfte noch zerstört sind und es keine Grundversorgung mit Wasser, Gesundheitsdiensten oder Schulen gibt. Die Unterbringung wird 2021 ein großes Risiko werden, weil die Mittel für humanitäre HIlfe auslaufen. Das hat 2019 durchaus Sinn gemacht, aber die Vorzeichen haben sich abrupt verändert. Es ist problematisch, wieder auf Nothilfe umzuschalten. Aber wir müssen zweigleisig fahren, denn gewissermaßen sind wir wieder auf eine Lage wie in den Jahren 2017 und 2018 zurückgeworfen.

Was treibt den Strom von Rückkehrern an, Covid oder die Regierung?

Die Pandemie spielt ein große Rolle. Viele Geschäfte mussten schließen und damit gingen Existenzen verloren. Vor allem in den kurdischen Gebieten lebt die Mehrheit der Vertriebenen in Lagern, der Rest in provisorischen Unterkünften oder in Gastgemeinden. Nur die Zentralregierung kann Camps schließen. Seit vergangenem Jahr hat sie mehrfach angekündigt, alle Lager abzubauen. Darauf folgten Proteste von internationalen und Menschenrechtsorganisationen. Dann passierte erst einmal nichts. Es ist verwirrend. Einige Lager wurden dann tatsächlich geschlossen. Eigentlich sollte das bis November mit allen passieren, nun ist dies aber auf März 2021 verschoben. Kehren die Menschen also freiwillig zurück oder gezwungenermaßen? Es ist wohl eine Mischung aus beidem.

Wir sind zurückgeworfen in eine Lage, wie wir sie 2016 und 2017 hatten.

Jonas Wiahl Landesdirektor, Welthungerhilfe, Nordirak

Wie geht das, wenn auf einen Schlag 1800 Familien aufbrechen?

Manche Familien machen sich im eigenen Auto und einem kleinen Hausstand auf den Weg. Andere müssen mit Transportmöglichkeiten und allem Nötigen für einen Neuanfang versorgt werden. Vor allem, wenn ein Lager ohne Vorankündigung geschlossen wird. Im Lager wird Unterstützung angeboten, dafür ist das Ministerium für Displacement und Migration in Bagdad zuständig und sein Pendant im Kurdengebiet. In der Heimatregion oder bei einer Umsiedlung in ein anderes Gebiet gibt es wenig Hilfe. Mitarbeiter des International Office of Migration (IOM) organisieren den Transport, geben Gutscheine aus und machen das Tracking. Ansprechpartner für internationalen Hilfsorganisationen sind die Lagerführung.

Was sind die Beweggründe der Regierung für die Schließung der Lager?

Es gibt die Befürchtung, dass sie zu einem Dauerzustand – zu permanenten Einrichtungen werden. Die Regierung will eine Situation vermeiden, wie man sie aus anderen Ländern kennt. Die Gründe dafür sind politisch. Wenn die Entscheidung begründet wird, heißt es, der Zustand sei nicht nachhaltig, die Regierung könne das nicht ewig fortsetzen. Es scheint, dass die Regierung zeigen will, dass sie fest am Ruder sitzt und eigenständig entscheidet. Vielleicht soll auch demonstriert werden, dass es friedlich ist im Land und nichts die Menschen aufhält.

Und kann man sagen, dass den Menschen eine Rückkehr in Würde ermöglicht wird?

Viele Organisationen arbeiten daran, einschließlich der UN. Vor Ort ist das nicht immer sehr konkret. In unserem Aktionsradius gehört eine Rückkehr in Würde zum humanitären Aktionsplan, der von der UN, IOM und dem Flüchtlingshilfswerk geleitet wird. Das Ergebnis ist bei weitem nicht perfekt, das geht noch besser. Es gibt viele Beteiligte und Vieles ist noch im Aufbau.

Das klingt nach ziemlichem Stückwerk?

Ja, das kann man so sagen, und das ist eigentlich ungewöhnlich. Irak ist kein riesiges Land, aber es gibt kein Epizentrum für Entscheidungen, auch nicht für Akteure der humanitären Hilfe und der Entwicklungszusammenarbeit. Bagdad ist weit von Nordirak entfernt. Außerdem hat die Regierung in Bagdad nicht funktioniert, obwohl 2019 sonst ein gutes Jahr war für Frieden und Stabilität war. Das wirkt sich auch auf die Kommunen aus. Es gibt kein wirkliches Zentrum. Für die Entwicklungsakteure hat sich Erbil zu einem Drehkreuz entwickelt, die diplomatischen Vertretungen sind in Bagdad. Es fehlen die Verbindungen, und das führt zu mangelnder Koordination und einer kleinteiligen Reaktion auf die Veränderungen.

Das Camp Mam Rashan zwischen Dohuk and Zakho ist eines der Flüchtlingslager, in dem 2015 Binnenvertriebene aufgenommen wurden, die vor den Kämpfern des Islamischen Staates (IS) flohen. © Welthungerhilfe

Reagieren die Geberstaaten auf die internen Flüchtlingsströme? Sind die Hilfsprogramme hier flexibel genug?

Die Erkenntnis macht sich breit, aber die Reaktionen sind langsam. 2019 deutete alles darauf hin, dass die internationalen Bemühungen in Irak von Nothilfe zu Aufbau und Entwicklung übergehen könnten. Humanitäre Hilfe stand nicht mehr zur Debatte. Dann schlich Covid-19 sich ein, und der Zustrom von Rückkehrern begann. Das kommt bei den Gebern erst allmählich an, und es braucht Zeit, Entscheidungen wieder rückgängig zu machen. Oft ist die humanitäre Hilfe schneller abgezogen, als Enwicklungsakteure auf den Plan treten. Nun ist es umgekehrt. Wir brauchen wieder die humanitären Geber.

Wie gut ist es denn gelungen, früheren Rückkehrern in den vergangenen Jahren im Nordirak einen Neustart zu ermöglichen?

Die Welthungerhilfe ist nur ein Akteur von vielen, und es hängt von den Gebieten ab. Wir haben von 2017 bis 2019 in Gegenden von Ninive wie Sinuni, Rabea, Talafar oder Sindschar erfolgreiche Geschichten der Integration erzielt. Als wir begannen, war die Gegend völlig verlassen, es gab keinen Markt, keine Arbeit. Gemeinsam mit anderen Organisationen starteten wir mit Nothilfe, dann begann der Aufbau, die Reparatur der Versorgung mit Wasser und Strom, von Bewässerungsanlagen, es gab Bauarbeiten, kleine Geschäftsgründungen. Der Handel setzte ein. Viele Menschen kamen zurück, auch kleine Unternehmer. Die Entwicklung ging in die richtige Richtung.

In dem Ort Rabia in Nordirak haben Rückkehrer mithilfe eines Ausbildungsprogramms eine Bäckerei für Baklava aufgemacht. © Welthungerhilfe

Und jetzt ist das anders?

Es wäre interessant gewesen, einige der Entwicklungsprogramme größer aufzuziehen. Aber nun gibt es nicht genug Ressourcen, um die Folgen von Coroana UND den jüngsten massiven Zustrom von Menschen aufzufangen. Vieles von dem, was wir erreicht haben, scheint verloren. Ein Beispiel ist die Wasserversorgung, sie gerät unter Druck. Weil es wenig humanitäre Hilfe von außen gibt, müssen die Organisationen Prioritäten umordnen.

Welche Erfolgsgeschichten sollten denn weitergeschrieben werden?

Was wir mit deutschen Geldern an Existenzgründungen für Jugendliche und Kleinunternehmer auf die Beine gestellt haben, erlebt eine positive Entwicklung. Fast alle Betriebe sind noch im Geschäft. Wo es geht, verbinden wir dies mit erneuerbaren Energien, die Gemeinden langfristigen Nutzen bringen. Für landwirtschaftliche Produkte verbessern wir die Lagerhaltung, damit sie über einen längeren Zeitraum auf dem Markt Ertrag abwerfen und das Einkommen verbessern.

Ist die Landwirtschaft ein Beschäftigungsmotor?

Der Ackerbau ist ziemlich industrialisiert. Große Staatsfirmen, die noch ein Überbleibsel aus den Zeiten der Baath-Partei von Saddam Hussein sind, bauen Getreide an und heuern vor allem Saisonarbeiter an. Der Sektor beschäftigt zwar viele Menschen, ist aber ein ganz eigenes, von der Regierung subventioniertes Geschäft. Kleine Erzeuger bauen hauptsächlich Gemüse an: Gurken, Tomaten, Okkraschoten. Wir unterstützen sie mit Projekten im Umgang mit Wasser und Hygiene.

Wie verläuft die Unterbringung der Rückkehrer?

Es gibt Reibereien. Und wir werden mehr davon sehen. Anfangs kamen Leute zurück in ihre eigene Gegend, sie hatten die gleiche Religion und Herkunft, die gleiche Geschichte. Es gab keine Problem mit umliegenden Dörfern. Das zog mehr Menschen an. 2017 gab es Spannungen zwischen jessidischen und sunnitischen Gemeinschaften, das konnte überwunden werden. Manche der Menschen, die noch in den Lagern sind, werden auch mit dem Islamischen Staat in Verbindung gebracht. Wer jetzt zurückkomt, findet keinen Ort. Meine Befürchtung ist, dass späte Rückkehrer es schwer haben werden, eine Existenz aufzubauen, weil sie marginalisiert werden. Und aufnehmen können sie nur ländliche Gebiete ohne Basisversorgung. Die Städte sind voll. Da wird es Unterstützung für Umsiedlungen geben müssen.

Aufbauarbeit: Auf einem Feld im Nordirak wird als Teil eines Arbeitsbeschaffungsprogramms in der Landwirtschaft ein Bewässerungssystem instand gesetzt, im Anschluss werden Geräte und Saatgut verteilt. © Welthungerhilfe

Das BICC-Institut für Entwicklung und Frieden hat in einer Politikempfehlung Kritik formuliert: Es fehle an strukturellen Vorbereitungen für Lebensgrundlagen von Rückkehrern, etwa zur Wiedereingliederung, und die Sicherheitslage werde vernachlässigt. Wie sehen Sie das?

Da ist etwas dran. Unsicherheit und mangelnde Rechtstaatlichkeit sind valide Punkte. Aber aktive Hilfe zur Wiedereingliederung braucht globale Hilfe. Wenn es an Bemühungen fehlt, liegt das vielleicht auch an der schwachen Verbindung zwischen Zentrum und der Provinz. Deshalb muss an mehreren Stellen angesetzt werden. Die GIZ etwa sollte weiter die lange dysfunktionale und zerstrittene Regierung in Bagdad unterstützen. Ohne Zentrum können Sie auch nicht dezentralisieren. Jetzt ist ein guter Moment, weil die neue Regierung unabhängiger von anderen Mächten ist als bisher. Eine große Aufgabe ist es auch, die Provinz- und die Bezirksverwaltungen zu unterstützen. Es ist so absurd, wie die von Bagdad und auch untereinander abgeschnitten sind. Das sollte auf der Agenda ganz oben stehen.

Das BICC hinterfragt auch, ob die Unterstützung für Existenzgründungen den Bedürfnissen des Markts entsprichts. Es müsste eine Analyse geben...

Das kann ich unterschreiben. Vieles ist passiert, aber die Gesellschaft verändert sich sehr schnell, und Programme sollten häufiger aktualisiert werden. Außerdem müsste eine zentrale Stelle die Führung übernehmen und koordinieren. Es gibt viele Akteure mit vielen guten Absichten, aber manches kann schnell aus der Zeit fallen. Es gibt Mechanismen dafür, auch vonseiten der UN, aber sie werden nicht umgesetzt.

Die Wiederherstellung von Wasserleitungen und Pumpstationen ist ein wichtiger Bestandteil von Hilfsprogrammen für Binnenflüchtlinge, die zugleich Arbeitsplätze schaffen. © Welthungerhilfe

Wie kann sich Ihre Arbeit an der Basis verändern?

Natürlich müsste die irakische Regierung mehr Verantwortung übernehmen. Aber bis das die Provinz- und Distriktverwaltungen erreicht, wird es dauern. In der Zwischenzeit müssen wir uns auch anpassen an die Umstände. Die Bevölkerung ist sehr jung und – im Vergleich etwa zu Afrika – sehr städtisch. Wir haben die Perspektiven vieler Jugendlicher verbessert, das liegt mir auch am Herzen. Wir haben Mechaniker, Elektriker, Bäcker ausgebildet und vieles mehr. Jetzt sollten wir mit qualifizierter beruflicher Bildung weitermachen, Trainings, die länger als drei bis sechs Monate dauern. Die Menschen hier brauchen Starthilfe, um eigene Firmen zu gründen oder für Arbeitgeber attraktiv zu sein.

Und im ländlichen Raum?

Für die Rückkehrer müssen wir weiter die Wasser- und Stromversorgung wiederherstellen und zusehen, dass es Wege zu Schulen und Ärzten gibt – neben der Hilfe für eine neue Unterkunft und Programmen von bezahlter Arbeit (Cash vor Work/CfW). Das haben wir nach dem Ende der Konflikte 2016 und 2017 so gemacht. Es hat recht gut funktioniert und kann wiederholt werden. Mit Versöhnungsprojekten können wir warten, es bringt mehr, unterschiedliche Gemeinschaften an konkreten Projekten wie dem Bau von Schulen zu beteiligen, als sie in einem Raum über alte Feindseligkeiten reden zu lassen. Friedensarbeit ist delikat hier, wenn man Menschen zu früh zusammenzwingt, kann das mehr schaden als nutzen.  

Marina Zapf, Journalistin, berichtet seit 20 Jahren aus Berlin über Themen der Außen, Außenwirtschafts- und Entwicklungspolitik.
Marina Zapf Team Welternährung.de
Letzte Aktualisierung 14.12.2020

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